Zufällig tragen sie denselben Namen

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Gestern, während einem Probelauf für ein Streitgespräch mit Michael Perkampus für das Spelunkentribunal, fielen immer wieder die Begriffe „Wirklichkeit“, „Realität“ und „Fiktion“, immer wieder sprachen wir von Begebenheiten, politischen, gesellschaftlichen, als setzten wir diese als „real“ voraus, gleichzeitig beteuerten wir beide im selben Atemzug den fiktionalen Charakter solcher Geschehen. Ich wurde im Verlauf des schriftlichen Hin und Hers immer gereizter – was nicht an meinem Gesprächspartner lag.

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Seit ca. sechs Wochen arbeite ich intensiv an einer Fiktionalisierung meiner Biographie und damit an der Konstruktion einer literarischen Figur mit der Bezeichnung „Ich“. Mein Ziel ist es, so weit zu kommen, dass ich, wenn ich an mich denke (pausenlos also), in einen Roman eintauche, in der ich nicht unbedingt Protagonist, aber doch eine der handelnden Figuren bin.

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Das Problem dabei: Ein Roman hat einen Autor. Wenn das eigene Leben der Roman sein soll, wer kommt da als Autor in Frage? Gott jedenfalls nicht. Wo kämen wir da denn hin. Ich will nicht metaphysische Parabel sein. Beispiel einer gescheiterten Existenz des Ungläubigen. Oder Witzfigur, ein Don Quixote, der gegen Windmühlen ankämpft, während Gott sich ins Fäustchen lacht: Was für ein Idiot, der die Windmühlen mit Mir verwechselt! Wenn nicht Gott, dann also die Wirklichkeit?

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Wer meine Kolumne auf P.-’s Veranda mitverfolgt hat, weiss, wie schwer ich mich mit dem Begriff tue. Dass ich Wirklichkeit nicht als etwas Gegebenes, Unveränderliches betrachte, sondern als etwas, das von meiner Wahrnehmung bestimmt ist und von ihr abhängt. Ich nehme selektiv wahr, ich nehme wertend wahr, ich gewichte, was ich wahrnehme.

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Damit rückt Wirklichkeit in eine gefährliche Nähe zur Fiktion, denn Fiktion ist doch vor allem das: Gestaltung durch Selektion und Anordnung von Material unserer Wahrnehmung. Fiktion wird jedoch gemeinhin als Erfindung verstanden, das zwar von der Wirklichkeit zehren kann (eine fiktive Geschichte kann zum Beispiel in einer Stadt angesiedelt sein, die es „gibt“) – niemand käme aber auf den Gedanken, zu glauben, das darin Geschilderte sei tatsächlich geschehen. Der Autor einer Fiktion hat alle Freiheiten, Ereignisse zur Wirklichkeit hinzuzuerfinden, die Wirklichkeit bis zur Unkenntlichkeit zu verformen.

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Und da stellt sich mir die Frage: Wenn ich mein Leben tatsächlich fiktionalisieren kann, weshalb bin ich nicht in der Lage, Rio als jene Stadt zu beschreiben, in der ich leben möchte? Weshalb ist es mir nicht möglich, die nächtlichen Schüsse wegzuschreiben? Weshalb bereitet mir die Vorstellung, meiner Tochter könnte in dieser Stadt Böses zustossen, schlaflose Nächte?

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Weil ich einen Denkfehler begehe.

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Eine Unsauberkeit, die mir in jeder akademischen Arbeit einen bösen Verweis des Professors eingetragen hätte: Ich verwechsle den Autor mit dem Ich-Erzähler meines Lebens. Nur zufällig tragen sie denselben Namen. 

Rio Rumble |
Markus A. Hediger am 28.03.2008
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