Zettelkrankheit
Es ist ein Zwicken in der linken Brust, nicht das Herz ist es, ganz sicher nicht, denn der kleine Kneifer treibt seine Zangen zwischen Haut und Rippen (nicht dahinter) ins weiche Fleisch. Es ist nicht das Herz, aber beruhigend wirkt diese Erkenntnis keineswegs - zuerst denkt Heleninha natürlich, es sei das Herz, als es das erste Mal zwickt, doch als sie sich mit der Hand an die Brust fährt und sich durch das dünne Baumwollkleid hindurch abtastet, findet sie bald den winzigen Bösewicht, nicht grösser als ein Käfer, jetzt direkt in der Vertiefung zwischen der 8. und 9. Rippe, sich hinaufarbeitend in Richtung 7. Heleninha lokalisiert ihn, ermittelt tastend seine Form und notiert jede Einsicht und Erkenntnis, jedes Empfinden (Angst ist da vor allem, eine panische Angst zu sterben) auf einem kleinen Zettel, den sie dann an der Stelle, an der sie das Zwicken das erste Mal bemerkte, auf den Boden klebt. Erst dann führt sie ihre Hand zurück an die Brust, sich sanft massierend fährt sie von der Brust hinauf in Richtung Hals, da ist er! und zerdrückt den Eindringling nicht ohne Bangen zwischen Daumen und Zeigefinger. Sie spürt in sich hinein, ein leichtes Brennen ist jetzt da, das sich innert Minuten zu einem regelrechten Brand entwickelt. Sie rennt in die Küche, öffnet den mit Zetteln beklebten Kühlschrank, füllt Eis in einen Beutel und - während die Linke das kalte Paket an die Brust drückt - füllt die Rechte bereits einen weiteren Zettel mit minutiösen, beklemmenden Protokollen ihres Empfindens.


