Worthülsen

Im “Handbuch für Selbsterhaltung”, das jeder Grenzsoldat am Tage seiner Vereidigung erhalten hat, finden sich - eingebettet in die Geschichte des Gewehres - folgende Zeilen:
“Das uns bedrohende Unbegreifbare wird durch unsere Sprache isoliert, verdichtet und geformt, bis es greifbare Gestalt annimmt. So verfahren wir mit allem, das unser Gemüt bedrängt und wofür wir keine Worte finden: Wir schneiden es mit scharfer Zunge wie einen Tumor aus unserem Innern, wir legen es vor unser Auge, geben ihm einen Namen und schiessen darauf. Das Gewehr ist eine Worthülse.”
“Das Gewehr”, schreibt auch Bellelli in seinem Tagebuch, “ist eine Worthülse. Ich habe sie aufgebrochen und darin nichts gefunden. Sara heisst die Frau, die mich besuchte. Ich verstand ihren Namen nicht, doch als sie ihn mir öffnete, fand ich darin Gase, die sich verflüchtigten und sich meinem Zugriff entzogen.”
Ich liege mit dem Rücken auf der Oberfläche. Von den Hängen in der Ferne murmelt der Wind herab. “Versucht nicht, den Wind zu verstehen”, heisst es an anderer Stelle im Handbuch. “Er gaukelt euch vor, es gebe eine andere Sprache als die unsere. Achtet auf den Feind, der aus dem Norden kommt.”

Equatoria |
Markus A. Hediger am 20.12.2006
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