Wer an Dämonen glaubt, glaubt nicht
1
Orszula hatte mich weit nach Mitternacht angerufen, soeben war sie von einem Konzert in St. Gallen oder Zürich heimgekehrt, wo sie mit dem Stadtorchester aufgetreten war, und brauchte Liebe. Wir sassen in ihrem kleinen Wohnzimmer zwei Stockwerke über der Altstadt und assen Truffes von Lindt & Sprüngli. Sie erzählte von ihrem Bratschenspiel und von ihrer Gewissheit, vom Orchester nach Ablauf ihres Probejahres fest angestellt zu werden. Vorsichtig versuchte ich ihr klarzumachen, dass ich Stimmen aus dem Orchestergraben gehört hatte, die anderes vermuten liessen. Noch hatte ich nicht ausgesprochen, knallte sie, völlig unvermittelt, mit dem Kopf auf den Boden.
2
Sie war nicht einfach in sich zusammengesackt. Von der sitzenden Position heraus, in der wir uns befanden, schlug sie mit derartiger Wucht auf dem Holzboden auf, dass es schien, als sei sie von fremder Hand umgestossen worden. Ich sprang zu ihr. Ihr Körper zuckte heftig und hart war der Ausdruck auf ihrem Gesicht, obwohl ihre Augen geschlossen waren. Ich sprach sie an, doch sie reagierte nicht.
3
Zum Glück hast du die Ambulanz nicht kommen lassen, sagte sie, als sie wieder zu sich kam.
Was war das? fragte ich.
Wie lange war ich weg? wollte sie wissen.
Fünf Minuten, die mir wie eine Ewigkeit vorkamen? Ich weiss es nicht. Puls und Atmung aber waren während dem Anfall in Ordnung gewesen.
Es war kein Anfall, sagte sie.
Das kam schon häufiger vor?
Ich hätte dir davon erzählen sollen…
Hast du das untersuchen lassen?
In Polen, von einem Spezialisten.
Die Diagnose?
Orszula sprach von ihrem Wesen fremden Energien, weigerte sich aber, näher darauf einzugehen.
4
Orszula, glaube ich, glaubte, sie sei besessen.
5
Wer an Dämonen glaubt, glaubt nicht an die Freundschaft zwischen Mann und Frau. Als Patricia mir zu meinem Geburtstag einen Blumenstrauss schenkte, sah Orszula in ihr das Böse, das meinen Körper wollte.
