Frühlingsbeginn
06:33:
Seit wir (das heisst, meine Frau und ich) beschlossen haben, unsere Zelte in Brasilien doch nicht überstürzt abzubrechen, bin ich auf Jobsuche. Der Arbeitsmarkt ist in Brasilien nicht schlecht, zumindest was hochqualifiziertes Personal angeht. Mein Dossier befindet sich bereits in vielen Händen, sowohl hier in Rio als auch in São Paulo und Umgebung. Mir ist aber bewusst, dass es nicht einfach wird, eine Stelle zu finden, die meinen (auch finanziellen) Ansprüchen genügt. Ich will hier jedoch nicht über Arbeitssuche und -markt schreiben, sondern über die direkten und bereits jetzt zu beobachtenden Auswirkungen berichten.
Seit ich meine Stellensuche begonnen habe, bemerke ich eine (für mich überraschende) Verlagerung meiner Perspektive und damit auch meiner Befindlichkeit. Es ist, als habe sich meine Energie mit einem Schlag verdichtet, als sei sie nahezu fassbar geworden. Ich fühle mich körperlich ungeheuer präsent, alle Kräfte scheinen auf das eine Ziel ausgerichtet. Das ist gut und fühlt sich auch gut an. Zu Beginn verunsicherte es mich, da ich feststellte, dass ich in diesem Zustand nicht schreiben kann (man sieht es an der Zahl der Weblogeinträge, die spürbar abgenommen hat). Die Sensibilitäten eines Autors vertragen sich schlecht mit dem Killerinstinkt eines Jobsuchenden. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt und kann dem auch Gutes abgewinnen. Als Autor hat man kaum eine Überlebenschance. Und ich WILL leben.
Arbeitssuche ist in der heutigen Zeit eine sprachliche Angelegenheit ist, die direkte Auswirkungen auf den Körper hat. Ich hege den Verdacht, dass es keine tiefere und kraftvollere Bedeutungsebene als die körperliche gibt.
Die Zeit drängt. Das Wetter scheint dies zu spüren und tut, was es will. Der Frühling hat begonnen.
Das Zeichen Gottes
Ich kam vor einer Woche an einer katholischen Kirche vorbei, nichts prunkvolles, ein einfacher Bau, in dem es von fröhlichen Menschen wimmelte. Wie immer, wenn ich an religiösen Verantstaltungen gerate, packt mich die Neugierde, und so betrat ich das Gebäude. Ein Priester kam strahlend auf mich zu, stellte sich mir mit dem Namen “Jesús” vor (der Pater kommt ursprünglich aus Chile), ich machte irgendeinen Spruch über den “Sohn Gottes”, da wurde Jesús ernst und meinte: “Aus gutem Grund nennen wir uns Christen und nicht Gottesfolger. Wir über uns in der Nachfolge eines Menschen. Wir suchen nicht die Gottes-, sondern die Christusähnlichkeit.” Wir gerieten in eine Debatte über die Gottessuche, Jesús schüttelte immer wieder den Kopf. Schliesslich aber sah er ein, dass meine Faszination nicht dem Menschen Jesus galt, sondern seinem Vater. Da schrieb mir Jesús gross ein Wort auf ein Blatt Papier und reichte es mir. “Wenn du Gott suchst, hier findest du ihn”, sagte er und fügte hinzu: “Ich habe dich gewarnt.”
Seither hängt das Tetragramm über meinem Schreibtisch. Es befremdet mich. Ich verziehe mein Gesicht zu einer Grimasse, wenn mein Blick darauf fällt.
Darüber einen Roman zu schreiben, darüber, wie ich mich auf die Suche nach der Bedeutung dieses Zeichens mache - seit einer Woche denke ich darüber nach, wie sich dieses Vorhaben in die Tat umsetzen liesse, ohne meine Familie dadurch in Gefahr zu bringen.
Maskerade
Nicht nackt wird der Mensch erkannt, sondern in den Verkleidungen, die er wählt. Ein Roman, der mich schonungslos aufdeckte, dürfte also nicht von mir erzählen, sondern von dem, was mir fremd ist. Von Vertrautem dürfte nicht die Rede sein, denn das, womit ich mich täglich umgebe - darin lässt sich’s gut verstecken. In der Fremde, so meine Erfahrung, gebe ich mir die ärgsten Blössen. Dort, wo ich, um zu Überleben, Zuflucht in der Maskerade suche.