Der bedeutungslose Gott



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06:59:

“Je grösser der Massstab - also je genauer die Karten den Ort abbildet
durch mehr Nähe -, umso ungenauer wird sie in der Zeit.”

Dieser Satz steht in Ursula T. Rossel Escalante Sánchez’ noch unveröffentlichtem Roman. Als ich ihn las, geriet ich ganz aus dem Häuschen, weil er sehr schön und präzise ein Problem nicht nur - wie mir später bewusst werden sollte - der Kartographie benennt. Seit der Lektüre dieses Satzes laufe ich nun unruhig und beunruhigt in der Gegend herum und irre zunehmend mich verlierend im Gewohnten umher.
Das Gewohnte ist eine Karte, die wir erstellen, um uns im Alltag zurechtzufinden. Sie ist sehr ungenau, eine unpräzise Darstellung unserer Umwelt, auf der weniger konkrete Anhaltspunkte als vielmehr vom Hörensagen Entlehntes verzeichnet ist. Wir füllen sie mit Bedeutungen, die sich aus unkontrollierten und unüberprüften Assoziationen zusammensetzen. Je genauer wir jedoch hinschauen, umso bedeutungsloser wird, was wir für bedeutend halten. Je genauer wir hinschauen, desto klarer entpuppt sich unsere Karte als Darstellung unserer Ideologie. Worin wir uns bewegen besteht nicht aus geographischen Koordinaten. Wir bewegen uns im Vagen.
Eine Grösse gibt es, die dieses Konstrukt vager Zeichen konstant von innen heraus bedroht. Ich nenne sie Gott. Gott als das Undefinierbare ist auch Gott als das Bedeutungslose (das Zeichen ohne Definition ist auch das Zeichen ohne gültige Interpretation und somit das Zeichen ohne Bedeutung, das Schwarze Loch im Zeichenuniversum). Je näher wir ihm kommen, umso mehr verlieren die übrigen Zeichen an Schärfe und das Vage unserer Existenz wird offenbar. Finden wir ihn, verlieren wir uns. Denn in seiner unmittelbaren Nähe gibt es keine Wertung, keine Bedeutung, keinen Inhalt, kein Zeichen mehr. Hierin liegt der wahre zerstörerische und als willkürlich erfahrene Charakter Gottes begründet. Das ist der Grund, weshalb es dem Menschen untersagt ist, Gott zu sehen. Kein Mensch, der Gott sieht, kann leben, heisst es in den Heiligen Schriften. Der Mensch braucht Bedeutung, um Leben zu können. Seine grösste Bedeutung aber ist sein Körper. Nimmt man ihm jede Bedeutung, nimmt man ihm seinen Körper.
(Kein Wunder stemmen sich die Religionen mit Dogmen und Lehren gegen diesen Gott, indem sie ihm Definitionen aneignen, mit der Absicht, ihn zu zähmen. Der grösste Kunstgriff der Christen bestand darin, Gott durch seinen Sohn einen Körper zu verleihen: der körperliche (menschliche) Gott braucht - wie jeder andere Mensch - Bedeutung. Durch Christus wurde Gott definierbar gemacht. Der Mystiker weiss, dass der Gläubige Gott nicht suchen darf. Deshalb rät er ihm unter anderem zur Nachahmung Christi.)
Hierüber einen Roman zu schreiben, über einen, der sich dem Rat der Mystiker widersetzt - dies schwebt mir vor. Aber das kann ich nicht tun, ohne selbst mich auf die Suche zu machen. Es ist ein suizidales Vorhaben, es sei denn, Gott erweist sich als etwas ganz anderes, als von mir vermutet. Dann hätte ich unwahrscheinliches Glück gehabt.

Heute finden in Brasilien regionale Wahlen statt. Es werden Stadtparlamente und Bürgermeister gewählt. Hat man sich während den letzten Monaten die staatlich verordnete Wahlwerbung am Fernsehen direkt nach den Nachrichtensendungen angeschaut (man kam kaum darum herum, denn sie wurden zeitgleich auf ALLEN Fernsehkanälen ausgestrahlt), hat man eine erste Ahnung davon bekommen können, welchen Horror Bedeutungslosigkeit verbreiten kann.

Mein Körper ist das einzige, was ich Gott entgegensetzen kann. Es ist das einzige, was Bedeutung hat, weil es hungert, dürstet, liebt. Der Eindruck, der Mensch sei Gott unterlegen, beruht auf einem trompe d’oeil: Wir messen unseren Geist mit dem Geist Gottes. Richtigerweise müssten wir unsere Natur mit der Natur Gottes messen und da böte sich ein drastisch anderes Bild.


tempo / tempo |
Markus A. Hediger am 05.10.2008
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Frühlingsbeginn



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06:33:
Seit wir (das heisst, meine Frau und ich) beschlossen haben, unsere Zelte in Brasilien doch nicht überstürzt abzubrechen, bin ich auf Jobsuche. Der Arbeitsmarkt ist in Brasilien nicht schlecht, zumindest was hochqualifiziertes Personal angeht. Mein Dossier befindet sich bereits in vielen Händen, sowohl hier in Rio als auch in São Paulo und Umgebung. Mir ist aber bewusst, dass es nicht einfach wird, eine Stelle zu finden, die meinen (auch finanziellen) Ansprüchen genügt. Ich will hier jedoch nicht über Arbeitssuche und -markt schreiben, sondern über die direkten und bereits jetzt zu beobachtenden Auswirkungen berichten.
Seit ich meine Stellensuche begonnen habe, bemerke ich eine (für mich überraschende) Verlagerung meiner Perspektive und damit auch meiner Befindlichkeit. Es ist, als habe sich meine Energie mit einem Schlag verdichtet, als sei sie nahezu fassbar geworden. Ich fühle mich körperlich ungeheuer präsent, alle Kräfte scheinen auf das eine Ziel ausgerichtet. Das ist gut und fühlt sich auch gut an. Zu Beginn verunsicherte es mich, da ich feststellte, dass ich in diesem Zustand nicht schreiben kann (man sieht es an der Zahl der Weblogeinträge, die spürbar abgenommen hat). Die Sensibilitäten eines Autors vertragen sich schlecht mit dem Killerinstinkt eines Jobsuchenden. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt und kann dem auch Gutes abgewinnen. Als Autor hat man kaum eine Überlebenschance. Und ich WILL leben.
Arbeitssuche ist in der heutigen Zeit eine sprachliche Angelegenheit ist, die direkte Auswirkungen auf den Körper hat. Ich hege den Verdacht, dass es keine tiefere und kraftvollere Bedeutungsebene als die körperliche gibt.
Die Zeit drängt. Das Wetter scheint dies zu spüren und tut, was es will. Der Frühling hat begonnen.


tempo / tempo |
Markus A. Hediger am 01.10.2008
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Das Zeichen Gottes



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Ich kam vor einer Woche an einer katholischen Kirche vorbei, nichts prunkvolles, ein einfacher Bau, in dem es von fröhlichen Menschen wimmelte. Wie immer, wenn ich an religiösen Verantstaltungen gerate, packt mich die Neugierde, und so betrat ich das Gebäude. Ein Priester kam strahlend auf mich zu, stellte sich mir mit dem Namen “Jesús” vor (der Pater kommt ursprünglich aus Chile), ich machte irgendeinen Spruch über den “Sohn Gottes”, da wurde Jesús ernst und meinte: “Aus gutem Grund nennen wir uns Christen und nicht Gottesfolger. Wir über uns in der Nachfolge eines Menschen. Wir suchen nicht die Gottes-, sondern die Christusähnlichkeit.” Wir gerieten in eine Debatte über die Gottessuche, Jesús schüttelte immer wieder den Kopf. Schliesslich aber sah er ein, dass meine Faszination nicht dem Menschen Jesus galt, sondern seinem Vater. Da schrieb mir Jesús gross ein Wort auf ein Blatt Papier und reichte es mir. “Wenn du Gott suchst, hier findest du ihn”, sagte er und fügte hinzu: “Ich habe dich gewarnt.”

Seither hängt das Tetragramm über meinem Schreibtisch. Es befremdet mich. Ich verziehe mein Gesicht zu einer Grimasse, wenn mein Blick darauf fällt.

Darüber einen Roman zu schreiben, darüber, wie ich mich auf die Suche nach der Bedeutung dieses Zeichens mache - seit einer Woche denke ich darüber nach, wie sich dieses Vorhaben in die Tat umsetzen liesse, ohne meine Familie dadurch in Gefahr zu bringen. 


d'accord |
Markus A. Hediger am 28.09.2008
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