Lichtausfall (1)



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[Da ich an den bereits publizierten Passagen nochmals herumgewerkelt habe, hier nochmals der Beginn der Geschichte. Die übrigen Kapitel folgen ab morgen und enden am Sonntag.]

Vinícius schiebt seinen kleinen, mobilen Krämerladen vor sich her. Den Kopf hält er gesenkt. Er ist müde. Seit 6 Uhr in der Früh ist er auf den Beinen. Jetzt ist es bereits wieder dunkel, sein Schubwagen schwerer als er es am Morgen war. So zumindest kommt es ihm vor. Obwohl die Geschäfte ganz ordentlich liefen heute. Jetzt steht er an einer Kreuzung und will hinüber. Er hebt den Blick. Direkt über seinem Kopf schaltet die Ampel um. Vinícius müsste seinem Wagen jetzt eigentlich einen Schups geben, ihn und sich in Bewegung setzen, damit beide rechtzeitig die andere Strassenseite erreichen, bevor die Ampel wieder umspringt und der Verkehr anrollt. Aber etwas hält ihn zurück. Etwas ist anders heute. Die gegenüberliegende Strassenseite liegt im Dunkeln. Kein Licht in den Läden, kein Licht im Café, das er da an der Ecke weiss, kein Licht auch in den Fenstern darüber.

Vinícius liebt Überraschungen nicht. Er ist ein Gewohnheitsmensch. Es ist jeden Tag dieselbe Route, die er mit seinem Krämerwägelchen abläuft. Meist sind es auch dieselben Kunden, die ihm eine Tüte Kekse oder ein Dutzend Haargummis abkaufen. Immer auch dieselbe Grossmutter, die eine kleine Puppe oder ein Plastikauto für ihre Enkelkinder kauft. Auf derselben Bank pflegt Vinícius jeden Tag zu Mittag zu essen, täglich hinter demselben Baum diskret sein Geschäft zu machen. Woche für Woche wiederholt sich die Routine und jede zufällige Abweichung davon verunsichert ihn. So, zum Beispiel, wenn ein Tourist auf ihn zukommt und ihn fragt, ob er ein Foto von ihm und seinem exotisch anmutenden Shop auf Rädern machen darf. Man sieht es ihm auf dem Bild an, dass ihm nicht wohl ist dabei, wie er da neben seinem bunten Wägelchen steht, die eine Hand im Hosensack, die andere vor dem Mund. Vinícius mag den Trott. Da reicht die geplatzte Birne einer Strassenlaterne, an der er auf dem Nachhauseweg jeden Abend vorbeikommt, um ihn aus dem Tritt zu bringen. Vinícius ist – und das ist vielleicht das Wort, das ihn am zutreffendsten beschreibt - ein unsicherer Mensch.

Längst ist die Ampel wieder umgesprungen, der Verkehr wieder angerollt, und noch immer steht Vinícius auf derselben Strassenseite und starrt in die gegenüberliegende Finsternis. Er muss dort hinüber, wenn er nach Hause kommen will. Sein Weg führt über die Kreuzung, dann einen Häuserblock links am Supermarkt vorbei, der jetzt auch im Dunkeln liegt, und dann rechts einen Hügel hinauf, dessen tausend Lichter ihn an normalen Abenden deutlich vom Nachthimmel abheben. Aber heute ist er nicht einmal zu erkennen, so undurchdringlich ist die Dunkelheit, die da auf der anderen Strassenseite beginnt. Die unbeleuchtete Nacht ist nicht Teil von Vinícius Leben. Sie gehört nicht zu ihm. Selbst wenn er schläft, brennt ein Lichtlein zu Füssen der Heiligen Mutter Gottes, die neben seinem alten Bett seit dem Tod seiner Frau über seinem Schlaf wacht.


finis terrae |
Markus A. Hediger am 17.09.2008
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Luiz’ Beerdigung (Ende)



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Das letzte Foto zeigt Luíz’ Beerdigung. Man sieht den Priester und eine kleine Schar, bestehend aus Familie und Freunde, am offenen Grab und den Vater, wie er seinen Sohn in der hellblauen Kühlbox behutsam in die Erde hebt.
„Sie dürfen eines nie vergessen, Señor. Mein Bruder starb im Buenos Aires der frühen 60er. … Vater machte danach zwar Karriere im Ausland. Newsweek, Time, auch Ihre Zeitschrift, der Stern, verhalfen ihm zu grossem Ruhm. Seine Bilder wurden im Ausland gerne gesehen. Für das europäische oder nordamerikanische Auge war es einfach, in ihnen das Klischee der südamerikanischen Leidenschaft wiederzuerkennen. Selbst im grössten Unglück zeigten Vaters Bilder helle, wache Gesichter. In Argentinien aber wollte nach Luíz’ Beerdigung keine Redaktion mehr etwas von ihm wissen. Die Argentinier waren die einzigen, die begriffen, dass das Werk meines Vaters ein Skandal war, der an der Beerdigung seines Sohnes seinen klarsten und unmissverständlichen Ausdruck fand.
Anstatt sich den herrschenden Konventionen des Sterbens zu beugen und mit einem prunkvollen Sarg aus dunklem, glänzend lackiertem Holz das Ende eines normalen Lebens vorzutäuschen, begrub Vater seinen Sohn in jenem Behälter, in dem Luíz sich über die letzten Monate seines Lebens hinweg selbst beerdigt hatte. Mit der öffentlich zu Grabe getragenen Kühlbox bekannte er sich zum unwahrscheinlichen Leben seines Sohnes und machte sich damit für unsere Presse, die sich dem Bekräftigen des Wahrscheinlichen verschrieben hatte, untragbar.“


imagines familiae |
Markus A. Hediger am 16.09.2008
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Vater war kein Ungeheuer (6)



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Eine nächste Aufnahme zeigt Luíz, wie er sich grossflächig kratzt. Unter seinen Fingernägeln sammelt sich Haut in Form kompakter Röllchen.
„Mit einer Stecknadel klaubte er die Haut unter den Nägeln hervor, tat sie in einen Plastiksack, den er sodann datierte und in die Kühlbox legte. Jetzt endlich merkten Vater und Mutter, dass mit ihrem Sohn etwas nicht stimmte. Sie machten sich Sorgen und schickten den Jungen zu einem Psychiater. Dieser verwies ihn an einen Dermatologen. Der Hautarzt tippte auf Neurodermitis. Er verordnete Cortisonwickel. Als diese nichts nutzten, fuhren wir mit Luíz zur Kur ans Tote Meer. Luíz durchlitt Höllenqualen. Das Salzwasser bereitete ihm unvorstellbare Schmerzen. Seine Nerven lagen blank.“
„Schreckliche Bilder… Ich weiss nicht…“
„Man sagt doch so schön: Unsere Haut ist das, was uns zusammenhält… Vor unser aller Augen fuhr Luíz aus der Haut. Nicht plötzlich, nicht von einem Tag auf den andern, sondern schleichend. Über zwei drei Jahre zog sich dieser quälende Prozess hinweg, bis er schliesslich nur noch rohes Fleisch war.“

Die folgenden Bilder sind kaum zu ertragen: Sie zeigen Luíz, wie er Fettgewebe vom Bauch in eine Plastiktüte abfüllt. Ein anderes, wie er einen losen Muskelstrang aus dem Unterarm herauslöst und auf Eis legt.
Die Fotos erfüllen mich mit Unbehagen. Nicht nur, weil es Bilder sind, die Unschönes zeigen, Skandalöses geradezu, wenn man die Umstände in Betrachtung zieht, unter denen sie entstanden…
„Ihr Vater“, sage ich, „war für die Sensibilität berühmt, mit der er sich in seinen Fotoreportagen mit seinen Themen auseinandersetzte. Das hier aber… Sind Sie sicher, dass Sie die Publikation dieser Bilder wünschen? Sie werden Ihren Vater in ein gänzlich anderes Licht rücken…“
„Vater war kein Ungeheuer.“
„Nun, einige Leser werden sicherlich der Ansicht sein, Ihr Vater hätte mehr, ganz sicher aber früher etwas für seinen Sohn tun können, wenn er ihn auch nur einmal nicht nur durchs Objektiv angesehen hätte… Haben Sie denn keine anderen Fotos von Ihrem Vater, die wir für die Reportage verwenden können? Er wird doch nicht nur Ihren Bruder fotografiert haben. Es befinden sich mit Gewissheit auch Fotos von Ihnen und von Ihrer Mutter in seinem Nachlass…“
„Sie verstehen nicht: Mein Vater hat Luíz geliebt. Am Ende tat er für Luíz das Undenkbare. Er hat ihn so sehr geliebt, dass es ihm egal war, was die Leute sagen würden.“


imagines familiae |
Markus A. Hediger am 15.09.2008
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