Die theologische Ziege
Achtung: „G-Wort“-haltiger Text
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Von meinem Arbeitsplatz im Wohnzimmer blicke ich direkt auf ein verlassenes Grundstück hinab. Es ist ummauert und besitzt, so weit ich das von hier aus sehen kann, keinen Eingang. Durchgehend umrundet die zwei Meter hohe Mauer das Fleckchen unbebauten Terrains. Kein Tor, keine Tür, kein Loch, das hineinführt. Auf diesem verlassenen Grundstück lebt eine herrenlose Ziege.
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Ich stelle mir vor, es handle sich bei ihr um dieselbe Ziege, in deren Gegenwart der brasilianische Journalist und Schriftsteller Nelson Rodrigues mit Bischöfen und Politikern, Schauspielern und Scharlatanen intime Gespräche führte. Ich stelle mir vor, damals schon sei dieses verlassene Grundstück voller alter Reifen, aufgeplatzter Müllsäcke und vergammelter Votivgaben gewesen, die Passanten über die Mauer warfen. Dann stelle ich mir vor, wie Ehrwürden und Würdenträger, Akteure und Aktmodelle schnaufend über die Mauer in dieses Niemandsland kletterten, wo sie von der herrenlosen Ziege und Nelson Rodrigues bereits erwartet wurden. Ich vermute, dieses Zeremoniell wiederholt sich gelegentlich noch immer. Aber bezeugen kann ich es nicht. Es stehen lokale Wahlen an. Da hat niemand Zeit für Gespräche, an denen keine Kameras anwesend sind.
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Die Ziege weiss, dass ich sie beobachte. Ab und zu kreuzen sich unsere Blicke. Sie tut dann zwar so, als interessiere ich sie nicht, und wendet sich wieder ihrem Unkraut zu, das sie mit ihren Lippen zwischen halbleeren Petflaschen hervorpflückt, aber ich bin mir sicher, sie missbilligt meine verstohlene Anwesenheit am Fenster. In einer Zeit, da ich selber nicht sehr glücklich bin und mein Selbstvertrauen am Boden liegt, brauche ich Trost, nicht zusätzliche Kritik. Also machte ich mich eines Nachts mit einer kleinen Leiter auf den Weg, um mögliche Missverständnisse aus der Welt zu schaffen. Die Ziege, sagte ich mir, kennt mich ja schliesslich nur vom Sehen und hat keine Ahnung, wie’s in meinem Innern aussieht.
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Ich versuchte also dieser Ziege das Konzept zu erklären, wonach das Äussere ein Spiegelbild der Seele sei. Und dann meinte ich: Man müsse sich nur mal mein Äusseres ansehen, um zu wissen, wie’s um meine Seele bestellt sei. Ich bräuchte Heilung, innere Heilung, sagte ich ihr noch, da blickte sie kurz von ihrer Mahlzeit auf und warf mir einen Blick zu, in dem ich folgende Worte las: Was das denn für ein dummer Aberglaube sei! Dann käute sie weiter wieder und ich musste mich also fragen, ob es denn vielleicht genau umgekehrt sich verhalte, und dass ich also, an meiner Seele werkelnd, nur mein Spiegelbild retouschierte, was natürlich – vorausgesetzt, die Ziege hatte recht - ein fertiger Unsinn war.
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Als hätte sie meine Gedanken erraten, würdigte die Ziege mich keines Blickes mehr, schüttelte aber sehr entschlossen den Kopf. Ich weiss jetzt genau, was du denkst, schüttelte es aus ihren Hörnern. Wenn das Äussere das Ausschlaggebende ist, denkst du jetzt, dann gibt es keinen Gott, denn Gott besitzt kein Äusseres. Aber Gott besitzt auch kein Inneres, so dass das, was auf dich zutrifft, in keinster Weise auch für Gott gelten kann.
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Bedrückt verabschiedete ich mich von der theologischen Ziege, die mich in kürzester Zeit durchschaut hatte. Eigentlich hätte ich mich ja gerne weiter mit ihr unterhalten – ich hatte so viele Fragen, die ich ihr stellen wollte – aber sie machte mir schnaubend klar, dass für sie das Gespräch beendet war. Fast beneidete ich sie, diese Ziege, die zwischen jenen Mauern zwar gefangen, aber dennoch freier war als ich. Sie war herrenlos, ich hingegen kannte nicht einmal den Herrn, dem ich diente.
Ein völlig überdrehter Geck
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Schwierige zehn Monate liegen hinter uns. Denke ich an die Zeit zurück, die seit unserer Rückkehr nach Brasilien im November letzten Jahres vergangen ist, empfinde ich sie als ungeheuer schwer. Am liebsten schüttelte ich sie von mir ab und machte sie ungeschehen. Aber sie lastet auf meinem Gemüt wie ein Gewicht, das ich nicht zu stemmen vermag. Und ich weiss nicht, ob es an der Schwere des hier Erlebten liegt oder an meiner Kraftlosigkeit.
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Denn genau besehen haben wir in den Monaten, die wir in Rio verbrachten, nicht wirklich viel erlebt. Es war eine ereignisarme Zeit, in keinster Weise mit dem aufregenden Abenteuer zu vergleichen, das ich mir vor meiner Abreise aus der Schweiz vorgestellt und auch erhofft hatte. Und dennoch ist mir das Herz schwer von Eindrücken, seine engen Kammern zugestellt wie die kleinen Räume unserer engen und überfüllten Wohnung an der Campos da Paz.
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Rückblickend erscheinen mir die Ausreisevorbereitungen interessanter, um ein Vielfaches spannender als die tatsächliche, anschliessende Auswanderung. Die Spannung, die es zwischen zu bewältigender Bürokratie und aufs Konkrete hinabzubrechendem Traum zu ertragen gab – mit dem Eintreffen in Rio brach sie in sich zusammen. Ein Bröckeln war’s vielmehr, ein langsames in sich Zusammensacken, ausgelöst zuerst durch die mangelnde Bewegungsfreiheit unter dem Dach meiner Schwiegereltern. Kaum angekommen, wollte ich mit der Realisierung meiner Pläne beginnen, doch dafür brauchte ich eigene Räume. Die Wohnungssuche verschleppte sich. Dann brachen die Allergien unserer Tochter aus; ich wurde von einer Mücke gestochen. Hohes Fieber, Gliederschmerzen. Auf das Dengue-Fieber folgte eine Lungenentzündung. Wieder hohes Fieber. Die Besuche in der Notaufnahme wurden Routine. Dann bot uns der Onkel meiner Frau eine Wohnung an.
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Von Krankheiten geschwächt, nahmen wir an.
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Was ich heute bitter bereue, denn von dem Moment an geschah nichts mehr. Erst später sollten wir erfahren, dass die Wohnung nicht nur äusserst schimmelanfällig und somit Gift für unsere Tochter war, sondern sich zudem in einer unfreundlichen, bedrohlichen Nachbarschaft befand. Ich liess mich davon in die Defensive treiben und zog mich zurück. Ich suchte Zuflucht im Schreiben und löste dadurch eine Reihe seelischer Prozesse aus, von denen ich mir heute nicht mehr sicher bin, ob sie gut oder auch nur notwendig waren. Der Umstand, dass daraus ein >>> Buch entstanden ist, ist mir nicht wirklich ein Trost.
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Auch wenn ich dadurch dem einen oder anderen alten Trauma vor allem in Bezug auf meinen christlichen Hintergrund auf die Spur kommen konnte – es hat mein Selbstverständnis erschüttert. Ich habe bislang ja viel Kraft aus meiner Opposition zu bestimmten Ausprägungen des christlichen Glaubens geschöpft und jetzt, da mir der Feind abhanden gekommen ist, ist mir diese Kraft abhanden gekommen. Schaue ich in den Spiegel, sehe ich nur noch die altgewordene Haut eines vormals völlig überdrehten Gecks.
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(Nicht nur mein Selbstbild hing von meinen andauernden Angriffen auf die Kirche ab. Auch mein Gottesbild war eng damit verknüpft. Die Erkenntnis, dass ich ganz alleine auf diesem Schlachtfeld das Schwert schwang und ein Feind gar nie existierte, hat nicht nur dazu geführt, dass ich den Menschen im Spiegel nicht mehr als mein Selbst erkennen mag – auch Gott ist mir fremd geworden. Und das ist, so empfinde ich es, mein grösster Verlust.)
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Es mutet schon fast absurd an, nach Brasilien auszuwandern und dann feststellen zu müssen: Was geschah, geschah in meinem Innnern.
Die misslungene Rache (5)
Martim Afonsos Männer üben im Jahre 1536 Rache für die schreckliche Tat des Schwätzers. Drei Jahre bereiten sie sich auf den Überfall auf die Insel des Bacharel vor, drei Jahre lang brüten sie über den Plänen, die das Ende des Schwätzers besiegeln sollen. Kaum auf der Insel, geraten sie jedoch in einen Hinterhalt. Das Städtchen São Vicente wird geschleift, Martim Afonso davongejagt. Nach der Zerstörung von São Vicente im Jahre 1536 taucht Cosme Fernandes Pessoa, der Schwätzer von Cananéia, unter.