Seine eigene Leiche

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„Es tut gut daran, wer das nicht vergisst: Der Mensch ist, zugleich, seine eigene Leiche.“

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Wenn man mit dem Bus durch Rio fährt, erscheint einem die Stadt riesig. Der Verkehr ist chaotisch, die Busfahrer gebärden sich mörderisch hinter dem Lenkrad. Sie haben Fahrpläne einzuhalten. Das lässt sich nur mit skrupelloser Rücksichtslosigkeit auf andere Verkehrsteilnehmer machen. Als Passagier muss man sich da festhalten. Gut festhalten.

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Hochhäuser ziehen an einem vorbei. Zuerst Wohnblöcke, einige alte Villen, dann, je näher man dem Stadtzentrum kommt, Geschäftsgebäude. Gelegentlich ein historisch monumentales Bollwerk eines Ministeriums

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(die Steuerinspektoren – so ein Schild vor der Finanzbehörde – befinden sich im Streik, es ist auffallend still vor den Säulen, die den Staat tragen, obwohl heute die Abgabefrist für die diesjährige Steuererklärung abläuft. Keine wütende Menschenmenge, nichts, nur Ruhe)

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, die Strassen werden auch enger, der Verkehr verhehlt seinen Ärger nicht mehr, es hupt und flucht aus heruntergedrehten Fenstern

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und plötzlich fährt man am Meer entlang, im Hintergrund den Zuckerhut, die Christusstatue auf dem Corcovado, mit einemmal wird es ruhig, nur Motorenlärm ist noch zu hören, das ist Rio: egal wo du bist, das Meer ist nie weit.

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Nachdem wir bei der Immobilienverwaltung gewesen waren (im Stadtzentrum am Meer) und den Mietvertrag für Büro und Atelier unterzeichnet hatten, verbrachten wir noch eine Stunde in einer nahen Buchhandlung, eine wahre Entdeckung, da noch eine der wenigen, die nicht von einer der beiden grossen Ketten geschluckt worden ist – ich fand da Italo Calvino auf Portugiesich, Gabriel Garcia Marquez’ journalistische Arbeiten in wundervoller Übersetzung, das Buch eines befreundeten Schriftstellers aus São Paulo, Bücher von Autoren auch, von denen ich nie etwas gehört hatte. Eines schlug ich auf, las:

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Das Buch trug den Titel „Geschichten über das Leben, wie es ist“. Traurige Geschichten, wie der Autor in der Einleitung selbst einräumte. Aber, meinte er, was will man machen? Der Held ist am Ende tot. So ist das Leben. So endet jedes Leben. Traurig. Es tut gut daran, wer das nicht vergisst. Der Autor starb an einem Sonntagmorgen im Jahr 1980 in Rio, zu Hause in seinen Badehosen, die Strandtasche bereits gepackt. 


Markus A. Hediger am 30.04.2008
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