Sally (1). On fire.

Längst läuft es barfuss, das geschundene Mädchen aus Black Mountain. Black Mountain, ihr Heimatdorf, liegt weit hinter ihr, Black Mountain ist nur noch ein Name, keine Erinnerung wert, das Mädchen Sally ist jetzt eine Frau. Feuerrotes Haar fällt ihr in schweren, verfilzten Strähnen ins Gesicht und über die Schultern. Sie trägt ein weites, verdrecktes T-Shirt, weite, zerrissene Hosen. Ihre Schuhe verlor sie, als sie in der Nacht bei Phoenix den Interstate Highway I-10 überquerte und von einem herannahenden Truck aus ihren Gedanken gerissen wurde und sich sputen musste. Sie hätte nochmals zurückkehren, einen Moment der Verkehrsberuhigung abwarten und ihre Schuhe, die jetzt auf der Fahrbahn lagen, auflesen können, doch – wozu?
Es kümmert sie nicht, dass der Asphalt, auf dem sie schreitet, sich unter ihren nackten Sohlen verflüssigt und unter ihrem Gewicht nachgibt, dass der Sand, auf dem sie läuft, unter ihren Füssen schmilzt, kümmert sie nicht, dass das Gras, auf das sie tritt, Feuer fängt und brennt.

Ein Canyon brennt lichterloh, Löschfahrzeuge donnern mit heulenden Sirenen an ihr vorbei, Hubschrauber kreisen am Himmel und werfen Wasser in die Schlucht. Doch Sally kümmert’s nicht. Sie trägt das Feuer, das in ihrem Innern brennt, jetzt durch die Wüste. Schon zeichnet das Städtchen Quartzite an der Grenze zu Kalifornien seine Häuser an den flimmernden Horizont. Der Sand unter ihren Füssen wird, wohin sie tritt, zu Glas. (Wie hat sie diese Hitze verflucht, wie gelitten unter diesen Flammen, die an ihren Organen lecken und unter der Haut Blasen werfen! Wie hat sie sich nach Kühle gesehnt! Danach, einmal, nur ein einziges verdammtes Mal, kalte Hände zu haben! Sally, das medizinische Wunder, Sally, der menschliche Geysir,) Sally, Sally, mein Kind, dein Vater ist tot. Das ist das einzige, woran sie jetzt denken kann, wie weggeblasen alles Selbstmitleid, alles Leid, das ihr zugefügt worden ist, Sally, Sally, mein Kind, dein Vater ist tot, Sally ist auf der Suche nach dem Hurensohn, der ihr den Vater nahm.

Die Flammende |
Markus A. Hediger am 31.07.2007
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