Möglicherweise ein wunderbares Leben
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Vor einigen Wochen waren wir schon einmal hier gewesen, an einem Sonntag, hatten aber keinen Parkplatz finden können. Kilometer um Kilometer Autos dicht an dicht. Und der Strand voller Menschen. Meine Frau meinte: Versuchen wir’s doch an einem Samstag.
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Ich packte die Strandtasche ohne grosse Zuversicht. Samstag oder Sonntag, wo war da der Unterschied? Das Wochenende ist bekanntlich zwei Tage lang. Aber es drängte mich hinaus, an die Sonne, die endlich, nach einer Woche kühlen Regens (wohltuend kühl, aber eben doch nass), wieder an einem wolkenlosen Himmel stand.
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Tags zuvor hatten wir uns im Nachbargebäude eine kleine 3-Zimmer-Wohnung angeschaut, für bescheidene 500 Franken monatlich. Wir suchen Arbeitsräume, ein Atelier für meine Frau, ein Büro für mich. Also fuhren wir in den zweiten Stock hinauf und betraten lichtdurchflutete Räume, sagenhaft hell und mit von Hochhäusern unverstelltem Blick auf die Dächer des Quartiers, sogar die wunderschöne Barockkirche am Fuss der Christusstatue ist von dort aus zu sehen.
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Wir sind auf der Suche nach jemandem, unter dessen Namen wir die Wohnung mieten können. Hier in Rio wird von Mietern ein Erwerbsnachweis verlangt, den können weder meine Frau noch ich erbringen. Der Hinweis, dass auf einem Schweizer Konto unser Erspartes liegt, reicht nicht. Heute also Gespräche und Verhandlungen mit der Gebäudeverwaltung und mit Freunden.
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Heute wurden zudem die Regeln festgeschrieben, die ich bei der Neuerfindung meines Lebens zu beachten habe: An sogenannten hard facts soll nicht gerüttelt werden. Geburtsurkunde, Name der Eltern, Farbe des Passes, die geographischen Stationen meines Lebens bleiben unverändert. Es ist mir jedoch untersagt, den christlichen Glauben und damit verbundene Krisen zur Begründung irgendwelcher Ereignisse oder Entscheidungen anzuführen. Ich darf von Kirchen erzählen, wenn sie als Gebäude für die Geschichte unerlässlich sind, ich darf von Gläubigen schreiben, wenn sie in Gestalt z.B. der schönen Tochter eines Gemeindeältesten daherkommen. Ich selbst jedoch darf mich nicht als religiösen Menschen beschreiben. Ob ich das hinkriege – keine Ahnung. Es bedeutet, den Blick auf das zu richten, was ich bislang unbeachtet links liegen liess.
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Nur langsam freunde ich mich mit dem Gedanken an, möglicherweise ein wunderbares Leben gehabt zu haben, das nun hier in Rio seine Fortsetzung findet. Wir fuhren ans Meer, an der Strasse standen zwar bereits einige wenige Wagen, aber es war Platz, viel Platz für unseren kleinen Clio, der Sand war sauber, das Wasser auch und kühl, die Strömung stark, aber das wussten wir ja.

