Mister Woo’s: Erinnerungen (5)

Wenn doch bloss mein Geist zur Ruhe käme! Ein Gedanke jagt den anderen, selbst wenn ich schlafe, sucht mein Körper einen Ausgleich für die ihm durch Changs Tod auferlegte Untätigkeit. Rastlos verschiebt er sich zwischen den Laken, bis er am Morgen – des nächtlichen Kampfes müde – erschöpft und schweissüberströmt erwacht. Still sitzen fällt ihm schwer. Ein Buch am Stück zu lesen ist mir unmöglich. Nebenan tobt eine Schlacht auf Leben und Tod. Woher nimmt die alte Frau die Kraft, sich so resolut gegen den Tod zu stemmen? Weshalb ist ihr das Leben so erhaltenswert? Wenn ich könnte, liefe ich meinem Bruder nach. Das Leben ist eng geworden ohne ihn.
Wir haben es nie lange im Haus ausgehalten, mein Bruder und ich. Als Kinder, bis in die Pubertät hinein, verbrachten wir die Tage im Freien. Nachts, wenn wir nicht schlafen konnten, schlichen wir uns aus dem Schlafzimmer. Wir hatten von den Stierrennen in Pamplona gehört. Durch unsere Stadt lief eine achtspurige Transitautobahn. Wir liefen vor die Autos, schreiend und kreischend wichen wir ihnen aus und wenn wir den Mittelstreifen erreichten, warfen wir uns ins Gras, keuchend und lachend, und schöpften Kraft für die letzten vier Spuren. Indem wir unsere Körper in Bewegung hielten, schlugen wir unseren Erinnerungen ein Schnippchen.
Jetzt bin ich ihnen schutzlos ausgeliefert und begreife allmählich, weshalb die Richter kein Todesurteil mehr aussprechen. Es gibt keine schlimmere Strafe, als einen Monat, zwei Jahre, drei Jahrzehnte allein in einer Zelle zu verbringen.
Chang, der ältere von uns beiden, war der erste, der einen Sinn für sein Leben suchte. Wir ruhten uns gerade auf dem Mittelstreifen aus, als Chang meinte, wir seien zu alt für solchen Leichtsinn. Ob ich mich an Professor Romer erinnern könne. „Er ist wieder aktiv“, sagte Chang.
Ich habe Kröten nie gemocht. Aber was der Professor mit ihnen machte, ging auch mir zu weit.

Mister Woo |
Markus A. Hediger am 29.05.2007
(0) Kommentare • (0) TrackbacksPermalink
Seite 1 von 1