Lieber Herrgottnochmal. (Skizze)

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist die südatlantische Insel Ascension Knotenpunkt der weltweiten Kommunikation. Ein Telegraphenkabel, das London mit Kapstadt verbindet, geht in der Bucht Comfortless Cove kurz an Land, taucht dann Richtung Süden wieder in die Wellen. Eine Querverbindung nach Sierra Leone nimmt 1901 den Betrieb auf. Tiefseeleitungen nach Cabo Verde, Buenos Aires und Rio de Janeiro folgen. Die Botschaften tickern im Morsecode aus dem Telegrafen am Ende des einen Kabels, sie werden entschlüsselt, zur Eingabestation des gewünschten Kabelabzweigs getragen und dort per Hand wieder eingegeben. So kommen alle Nachrichten, die den Südatlantik überqueren, auf Ascension für einen Augenblick ans Tageslicht.*

Ich stelle mir den Telegraphen vor, dieses menschliche Relais, der die Telegramme am einen Ende des Kabels empfängt, notiert, hinüberrennt zum anderen Kabel, dort die Botschaft ins Morsegerät hineinklickt - eigentlich ist er dazu ausgebildet, von den Inhalten keine Kenntnis zu nehmen, sie einfach nur weiterzuleiten. Doch Ascension ist eine kleine Insel, er lebt da allein.
Nun schweben mir Geschichten vor über diesen Mann, der Nachrichten aus aller Welt erhält, sie aber nur weiterleiten, sie mit niemandem teilen darf, niemanden hat, mit dem er über sie diskutieren kann (nicht alle Nachrichten sind gut). Da liegt der Gedanke nahe, sich an einen Gesprächspartner zu wenden, der allgegenwärtig ist.

Gott und der Telegraph begegnen sich in einem Aspekt auf Augenhöhe: Beide sind allwissend. Aber Freunde können sie nicht werden. Denn der eine ist allmächtig, der andere völlig hilflos.

[*gefunden bei Spiegel Online. Der Titel des Artikels lautet “Das Empire hört mit”.]

Ascension |
Markus A. Hediger am 22.02.2007
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