Kindheit in Lichtbildern
Endlich habe ich den Mut gefunden, mit dem Schreiben des “Bilderbuchs” meiner Kindheit zu beginnen. Die Dias, die mein Vater während seiner Missionstätigkeit in Brasilien schoss, liegen vor mir. Ich sortiere, wähle aus. Mir ist klar, dass der Umgang mit ihnen eine besondere Sorgfalt und Sensibilität voraussetzt - sowohl was die Bilder selbst als auch was meine Erinnerungen angeht, die ich mit ihnen verknüpfe.

Es liegt eine stille Arbeit vor mir, die eine ganz andere Einstellung zu meinem Leben verlangt und für die eine ganz andere Energiequelle gefunden werden muss als jene, die meinem Büchlein “Krötenkarneval” zugrunde liegt. Die Entwicklungen wiederum, die ich während dem Verfassen des Krötenkarnevals durchgemacht habe, haben mein Verhältnis zu dem riesigen Bilderarchiv meines Vaters massgeblich verändert. Vieles liegt jetzt wieder roh und aufgebrochen vor mir, gleichzeitig ist meine Kindheit in noch weitere Ferne gerückt: die Dias zeugen von einer Welt, die es nicht gibt.
Hier die richtigen Worte zu finden, die einerseits dem unmittelbaren Eindruck, den die Bilder meines Vaters auf mich machen, und andererseits der Distanz, die zwischen Vergangenheit und Gegenwart durch meine Rückkehr nach Brasilien zu liegen gekommen ist, gerecht zu werden - es ist eine Arbeit, die mir ein bisschen Angst macht. Ich muss mich - wieder einmal - mir selbst aussetzen.
