Es wird weniger zu lesen sein
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Hier auf Hanging Lydia wird in Zukunft weniger zu lesen sein. Das Weblog wird zwar nicht geschlossen (dafür ist es mir zu lieb), aber die Aktivitäten darauf werden deutlich heruntergefahren. Ich werde mich stattdessen, nebst literarischen Arbeiten auf Portugiesisch, auf die Podsendungen mit Michael Perkampus und auf eigene Podcast-Produktionen konzentrieren. Auf SkyRadio werde ich - sofern irgendwie möglich - wöchentlich einen kleinen Podcast einstellen, der voraussichtlich im Stil meiner Kolumnen, die ich bis vor kurzem für P.-’s Veranda schrieb, gehalten wird.
Dunkle Busse einer Spezialeinsatztruppe
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Das Echo in der Medienlandschaft auf die offizielle Lancierung unserer brasilianischen Literaturzeitschrift „e_spaços“ ist überwältigend. Der meistgelesene Blogger Brasiliens hat darüber berichtet, Journalisten haben Beiträge versprochen und gestern führte ich ein Live-Interview für ein Radioprogramm, das landesweit ausgestrahlt wird.
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Bereits erhalten wir erste Texteinsendungen. Die nächste Herausforderung wird darin bestehen, unsere Zeitschrift in periodischen Abständen in den Medien zu einem Thema zu machen, damit das Interesse nicht abflacht. Die erste Ausgabe erscheint ja erst im November, eine Ewigkeit also bis dahin.
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Wir leben in einer nicht sehr noblen Gegend von Rio. Es sind einfache Menschen, die in der Nachbarschaft leben und gleich dahinter schieben sich Slums an den felsigen Hängen der umgebenden Hügel hinauf.
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Heute früh wollte ich fiebersenkende Zäpfchen für unsere Tochter kaufen (die Apotheke befindet sich gleich um die Ecke, gegenüber eines Supermarkts), als dunkle Busse einer Spezialeinsatztruppe der Polizei an mir vorbeirasten und in die Strasse einbogen, in der ich meine Einkäufe tätigen wollte. Die Strasse selbst war bereits abgeriegelt, überall standen schwerbewaffnete Polizisten in schwarzen Uniformen herum.
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Wie ich erfuhr, hatten Banditen den Supermarkt überfallen und zehn Geiseln genommen. Die Angelegenheit war schnell erledigt, niemand starb. Offenbar gelang es den Banditen, zu flüchten. Die Geiseln sind wohlauf.
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Ich habe zuvor schon von nächtlichen Schüssen in der Nachbarschaft oder in den umgebenden Slums berichtet. Sie blieben aber immer Laute, Lärm, eine unangenehme Verschmutzung der ohnehin schon lauten Stadt, aber nichts bedrohliches. Der Überfall auf ein Geschäft aber, das sich nur in hundert Meter Entfernung von unserer Wohnung befindet und an dem ich täglich vorbeikomme, hat der Bedrohung nun eine ganz andere Aktualität verliehen.
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Auch das ist Brasilien: Freundlichkeit und Wohlwollen auf der einen Seite, Skrupellosigkeit und Verzweiflung auf der anderen. Gegensätze.
Startschuss
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Die Unterstützung, die ich von Freunden im Vorfeld der Lancierung unserer brasilianischen Online-Literaturzeitschrift “e_spaços” erhalten habe, ist überwältigend. Nennen muss ich, nebst dem Autor des hervorragenden Blogs “uanabilontra” und Mitherausgeber von “e_spaços” Luiz Alberti auch Dennis D., den ich persönlich noch nie getroffen habe, mit dem mich aber seit Jahren schon eine (obwohl nur schriftlich gelebte, aber dennoch) sehr enge Freundschaft verbindet. Dennis D. hat für den Auftritt der Zeitschrift die Texte redigiert, Korrekturvorschläge gemacht, ihnen den letzten Schliff gegeben.
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Heute nun haben wir die Zeitschrift offiziell lanciert und einige gewichtige Stimmen im Internet über unser Projekt informiert. Auch dafür haben meine bislang nur wenigen Freunde in diesem Land ihr Netzwerk zur Verfügung gestellt und aktiviert.
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Jetzt heisst es abwarten, was dadurch bewirkt wird. Wie ich von verschiedenen Seiten hörte, ist das Bedürfnis nach einer Literaturzeitschrift, die nicht über Literatur schreibt, sondern die ausschliesslich die Autoren mit ihren Primärtexten zur Sprache kommen lässt, gross.
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(Was mich eigentlich erstaunt: Dass bislang sonst niemand ein solches Projekt in Brasilien auf die Beine stellte. Es macht mich auch vorsichtig verhalten: Vielleicht gibt es noch nichts Vergleichbares, weil es dafür keinen Markt gibt. Anders als im deutschsprachigen Raum, wo es Literaturzeitschriften in Hülle und Fülle gibt, ist hier - nichts.)
Von drei Mäusen verfolgt
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Im November letzten Jahres am Flughafen, noch genauer: am Zoll. „Was ist in dieser Schachtel?“ „Meine Manuskripte.“ „Schriftsteller?“ Ich nickte. Niemand glaubt mir das. Der Zöllner nahm ein Messer („Vorsicht!“ rief ich noch, zu spät) und schnitt die Schachtel auf. Der Professor für vergleichende Literaturwissenschaft Tranquill Wehenfeuer sprang – in schwerem Wintermantel und mit wildem Blick – behende aus meinen geliebten Annotationen und eilte davon. Der Zöllner versuchte erst gar nicht, ihn aufzuhalten.
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„Das ist illegale Einfuhr“, meinte der Zöllner schulterzuckend zu mir. „Sie werden sich dafür verantworten müssen.“ „Geistiges Eigentum ist deklarationspflichtig?“ fragte ich. „Alles, was Sie importieren, muss verzollt werden.“ „Der Professor ist wertlos. Eine untaugliche Figur. Sehr widerspenstig. Fügt sich in keinen Text. Wertschöpfungspotential gleich Null.“ „Über Wert und Steuerklasse entscheiden unsere Inspektoren. Sie werden von uns hören.“
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Ich vergass den Zwischenfall. Im März erhielt ich eine Rechnung über umgerechnet etwa 3000 Franken. Ich war entsetzt. Soviel hatte ich in meinem ganzen Leben mit der Schriftstellerei nicht verdient! Ich rechnete die mir belasteten Importzölle zusammen: Veranschlagter Wert des Professors: 30 Franken. Transportkosten (diese werden dem Warenwert hinzugerechnet und auf dieser Summe dann die Importzölle berechnet): 1400 Franken (so viel hatte ich für mein Flugticket bezahlt). Alle Zölle insgesamt ergaben etwas mehr als 100 Prozent. Mein Schwiegervater riet mir, die Rechnung fristgerecht zu zahlen. „Du willst mit dem Finanzamt keine Schwierigkeiten haben, glaub mir.“
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Vor einigen Tagen kam ich im Stadtzentrum an einer Buchhandlung vorbei. Ich widerstand nicht und betrat den Laden. Ausser drei Angestellten befanden sich darin eine hübsche Studentin und ein älterer Herr. Dieser trug, salopp über die Schultern gehängt, einen schweren Wintermantel. Es ist heiss in Rio, selbst im Herbst. Ich schaute genauer hin.
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Instinktiv ging mein Blick in die dunklen Ecken zwischen den Regalen. Und da waren sie, die drei braunen Mäuse, die dem Professor auf Schritt und Tritt zu folgen pflegten.
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Ich machte, noch bevor der Professor meine Anwesenheit bemerkte, kehrtum. Verliess den Laden, winkte einem Bus, fuhr heim. In der folgenden Nacht schlief ich so gut wie schon lange nicht mehr. Mich schmerzten die 3000 Franken, die ich für den Professor hatte zahlen müssen, noch immer. Aber den Professor vermisste ich nicht. Als Figur mochte er interessant gewesen sein, doch für einen Plot war er gänzlich uninteressant. Denn was für ein Ende hätte ich einer Gestalt auf den Leib schreiben können, die von drei Mäusen verfolgt wird, die jedes Buch, das er liest, auffressen, sobald er es zuklappt und beiseite legt?
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Professor Tranquill Wehenfeuer war tragische Figur und schreckliches Schicksal in einem.
[So, oder so ähnlich: Erster Text für die monatliche Kolumne in „e_spaços. revista de literatura.“ Der portugiesische Text Befindet sich zur Zeit noch in Überarbeitung.]
Seine eigene Leiche
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„Es tut gut daran, wer das nicht vergisst: Der Mensch ist, zugleich, seine eigene Leiche.“
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Wenn man mit dem Bus durch Rio fährt, erscheint einem die Stadt riesig. Der Verkehr ist chaotisch, die Busfahrer gebärden sich mörderisch hinter dem Lenkrad. Sie haben Fahrpläne einzuhalten. Das lässt sich nur mit skrupelloser Rücksichtslosigkeit auf andere Verkehrsteilnehmer machen. Als Passagier muss man sich da festhalten. Gut festhalten.
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Hochhäuser ziehen an einem vorbei. Zuerst Wohnblöcke, einige alte Villen, dann, je näher man dem Stadtzentrum kommt, Geschäftsgebäude. Gelegentlich ein historisch monumentales Bollwerk eines Ministeriums
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(die Steuerinspektoren – so ein Schild vor der Finanzbehörde – befinden sich im Streik, es ist auffallend still vor den Säulen, die den Staat tragen, obwohl heute die Abgabefrist für die diesjährige Steuererklärung abläuft. Keine wütende Menschenmenge, nichts, nur Ruhe)
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, die Strassen werden auch enger, der Verkehr verhehlt seinen Ärger nicht mehr, es hupt und flucht aus heruntergedrehten Fenstern
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und plötzlich fährt man am Meer entlang, im Hintergrund den Zuckerhut, die Christusstatue auf dem Corcovado, mit einemmal wird es ruhig, nur Motorenlärm ist noch zu hören, das ist Rio: egal wo du bist, das Meer ist nie weit.
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Nachdem wir bei der Immobilienverwaltung gewesen waren (im Stadtzentrum am Meer) und den Mietvertrag für Büro und Atelier unterzeichnet hatten, verbrachten wir noch eine Stunde in einer nahen Buchhandlung, eine wahre Entdeckung, da noch eine der wenigen, die nicht von einer der beiden grossen Ketten geschluckt worden ist – ich fand da Italo Calvino auf Portugiesich, Gabriel Garcia Marquez’ journalistische Arbeiten in wundervoller Übersetzung, das Buch eines befreundeten Schriftstellers aus São Paulo, Bücher von Autoren auch, von denen ich nie etwas gehört hatte. Eines schlug ich auf, las:
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Das Buch trug den Titel „Geschichten über das Leben, wie es ist“. Traurige Geschichten, wie der Autor in der Einleitung selbst einräumte. Aber, meinte er, was will man machen? Der Held ist am Ende tot. So ist das Leben. So endet jedes Leben. Traurig. Es tut gut daran, wer das nicht vergisst. Der Autor starb an einem Sonntagmorgen im Jahr 1980 in Rio, zu Hause in seinen Badehosen, die Strandtasche bereits gepackt.