In einen Text verliebt
1
Es gibt kein einfaches Schreiben, kein „Ich setz mich jetzt mal kurz hin und schreibe schnell eine Geschichte“.
2
Dass das Schreiben auf Portugiesisch mir besondere Mühe bereiten würde, dass ich mich mit der unvertrauten Melodie einer mir innerlich fremdgewordenen Sprache schwer tun würde, hatte ich erwartet. Ich mühe mich von Wort zu Wort, empfinde den Rhythmus erst, wenn ich das Wort gefunden habe.
3
Das gilt auch für das Schreiben auf Deutsch. Ein bisschen anders zwar, ja: Gebrauchstexte gehen wie von selbst von der Hand (auf Portugiesisch noch nicht, das Verfassen simpler Hinweise für die brasilianische Literaturzeitschrift „Espaços“ ist knochenharte Arbeit), aber was literarische Texte angeht: auch da Schwerstarbeit.
4
Das ist so (und es ist so in allen Sprachen), weil es anders nicht sein kann. Einen Stoff in Worte zu kleiden, bedeutet, ein Kleid zu schneidern, das die Form erst enthüllt (ein Kleid, das der Trägerin erst die Augen für die Schönheit ihrer Figur öffnet. Nackt ist sie Körper, angezogen aber vollendet. Diese Vollendung bleibt ihr, auch wenn sie das Kleid danach ablegen sollte. Ein kunstvoll erstellter Text bleibt verführerisch auch wenn das Buch längst wieder zugeklappt ist).
5
In den frühesten Morgenstunden luden wir unsere kleine Tochter wieder auf den Arm und fuhren mit ihr ins Krankenhaus. Ihre Gesundheit hatte sich, seit eine schwache Lungenentzündung diagnostiziert und ihr Antibiotika verschrieben worden waren, quasi über Nacht verschlechtert. Wieder Blutentnahme, wieder Röntgenbilder.
6
Und wieder (das dritte Mal schon) traf ich auf den Spitalgängen jene Mulattin, von der ich noch nie geschrieben habe, weil sie mir auf den ersten und zweiten Blick nur als Männerphantasie erschienen war, eine schlanke, nicht sehr grosse Frau mit einem umwerfend hübschen Gesicht, scharf geschnitten, stolz, sehr weiblich.
7
Heute - wieder begleitete sie eine ältere Frau, die sich in der Notaufnahme behandeln liess - fiel mein Blick auf ihr Kleid und da erst wurde mir klar, wie viel ihrer Schönheit sie diesem Stoff verdankte.
8
In eine solche Frau verliebt man sich, wie man sich in einen Text verliebt.
9
(Sorge um die Liebste: Die Antibiotika haben nicht angeschlagen, unsere Tochter muss nun stationär behandelt werden. Ausgerechnet sie, die weisse Kittel über alles hasst. Ich vermute, sie erkennt bereits auf ihre lauthals kindliche Art wie unförmig Uniformen sind.)




