Die Cherubim vor den Toren
Wir halten eine Farce aufrecht. Wir wahren den Anschein. Mit unseren flammenden und hauenden Schwertern bewahren wir den Garten vor der Erkenntnis. Gläubige lagern vor den Toren unseres Parks und hoffen auf einen Moment der Unachtsamkeit. Doch wir wachen und lassen niemanden herein. Niemand soll erfahren, wie es im Paradies wirklich aussieht. Sollen jene, die glauben wollen, weiterhin davon träumen, wie hinter unseren Rücken Lämmer und Löwen gemeinsam grasen, wie Honig in den Bächen fliesst und Äpfel reifen, die denjenigen, der von ihnen isst, um den Verstand bringen.
Wir sind die Cherubim. Wir achten darauf, dass die Lüge nicht auffliegt. Bulldozer und Kettensägen haben den Schutzwald, den wir um das Paradies herum anbauten, bereits gerodet. Planierraupen bedrängen nun schon die Mauern. In einem verzweifelten Versuch, den Menschen zurückzuschlagen, legen wir Feuer an die Maschinen und bringen Tod in die Arbeitersiedlungen. Aber wir wissen, dass der Mensch nicht aufzuhalten ist.
Wir sind die Cherubim. Wir wurden unter der falschen Annahme erschaffen, der Mensch sei ein leichtgläubiges und leicht zu verschreckendes Geschöpf. Wir donnern, brennen und töten noch immer, aber wir verbreiten keinen Schrecken mehr.
