Die Beliebigkeit der Erinnerungen

Am nächsten Tag begibt sie sich auf den Friedhof. Sie betritt die kleine Kapelle. An ihrer Unsicherheit und an ihrem Alter erkennt der Priester den Grund ihres Besuchs. Er führt sie an die endlosen Regale heran, in denen die zahllosen Kassetten bereits Verstorbener aufgebahrt sind. In wenigen Worten erklärt er ihr die Funktionsweise des Kassettenrekorders, reicht ihr einen Kopfhörer und lächelt ihr aufmunternd zu. Dann lässt er sie allein.
Kristin verbringt den Tag damit, wahllos Tonbänder abzuspielen. Sie will wissen, was möglich ist, hofft auf Inspiration. Die ersten Erinnerungen der Toten hört sie sich noch ganz an. Vier Stunden, vier Leben. So komme ich nicht weit, denkt sie, während sie auf ihrem mitgebrachten Sandwich herumkaut. Nach der Mittagspause geht sie dazu über, in die Kassetten nur hineinzuhören, vorzuspulen, zwei Minuten den manchmal enthusiastisch, manchmal müde vorgetragenen Leben zu lauschen. Ein Leben knüpft nahtlos an das andere an, es ist völlig egal, wer da spricht, was der da erzählt, der nicht mehr ist.
Als sie entdeckt, dass es unter den Toten auch solche gibt, denen die Zeit nicht gegeben war, sechzig Minuten lang zu sprechen, erinnert sie sich an die Worte ihrer Mutter. Für diese sprechen die Angehörigen, die Freunde, die Hinterbliebenen. Es sei denn, der Verstorbene habe eine Verfügung unterzeichnet, wonach die Kassette nicht zu besprechen sei. Schiebt man sie in das Abspielgerät, hört man nur ein Rauschen, ein elektromagnetisches Schnaufen, willkommene Ruhe.


Markus A. Hediger am 27.11.2006
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