Der Minutenmensch (2). Bildloses

Mit dem Wechsel vom Elternhaus ins Internat im Alter von sechs Jahren bricht die Flut an Bildern, die mein Leben dokumentieren, ab. Vater mit seiner Kamera ist 2000 Kilometer entfernt, er schiesst weiter Bilder, aber nicht von mir. Es liegt eine Verletzung in diesem Bruch, nicht nur im kindlich empfundenen Verlassensein von den Eltern, auch und vor allem im Fehlen von Bildern, in denen ich mich wiedererkennen könnte. Für die Zeitspanne einiger weniger Jahre bin ich ganz auf meinen Geist angewiesen und ich traue ihm nicht. Wo nur Wort ist, tendiert es dazu, sich von der Welt zu lösen. Ich mag das nicht, mag auch die Tatsache nicht, dass dennoch Erinnerungen aus dieser Zeit da sind, ausgefeilte Geschichten, an die ich mich nicht gerne erinnere, die ich noch weniger gerne schreiben werde. Und doch ist da etwas geschehen, ob wahr oder nicht, was mit dazu beitrug, dass sich eine Kluft auftat zwischen der Erde und dem Wort. Und was mich dazu bewog, mich auf die Seite des Wortes zu schlagen. Nicht gut, denke ich jetzt, das solltest du überdenken, neuschreiben, nimm jenen Jahren das Drama. Aber wie, ohne Bilder, in denen ich mich wiedererkennen könnte? Selbst wenn es Bilder wären, die den verschreckten Jungen mitten in der Nacht in der Tür des Schlafsaales zeigten - dem wäre Zuneigung abzugewinnen. Aber Worten?

Der Minutenmensch |
Markus A. Hediger am 05.02.2008
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