Das Wetter und der Verkehrslärm
6:10:
“Es regnet endlich”, dachte ich, als ich um halb drei in der Früh aus dem Schlaf heraus die Augen öffnete. Ein sehr gleichmässiges, angenehmes Rauschen erfüllte das Schlafzimmer. Ich stand kurz auf, um nachzusehen, ob die Fenster alle geschlossen waren, blickte durch die Scheiben hinaus und sah auf eine trockene Strasse. Es regnete nicht. Das Rauschen war durch einen sehr gleichmässig dahinziehenden Verkehr verursacht worden, die Nuancen des Motoren- und Reifenlärms von den geschlossenen Fenstern unterdrückt.
Überhaupt gehört der Lärm in dieser Stadt ebenso zum Wetter wie die Sonne. Ich blicke in den wolkenlosen Himmel und höre ihn. Je nach Wetterlage hört sich auch der Verkehr anders an. Bei heiterem Wetter gibt sich der Verkehr besonders verrückt, hektisch, nervös und aggressiv. Regen beruhigt auch die Gemüter der Autofahrer.
Gestern war solch ein heiterer Tag (in Rio sind die meisten Tage heiter). Wo das Wetter sich kaum verändert, scheint es, als geschähen die Dinge rein zufällig. Wenn jeder Tag sich gleicht, spielt es keine Rolle, wann was geschieht. Gestern, nach langen neun Monaten, durfte ich im Büro der Bundespolizei meine Identitätskarte abholen. In Brasilien ist man nur wer, wenn man sich ausweisen kann. Wer keine ID vorzuweisen in der Lage ist, darf sich auf seine Bürgerrechte nicht berufen und seine -pflichten nicht ausüben. Ich habe die letzten neun Monate folglich in etwas nervösem Zustand verbracht. Jetzt bin ich wer. Blicke ich heute morgen in den Spiegel, ist es, als hätte ich an den Rändern an Schärfe gewonnen.
22° C und Wolken am Himmel.
