Das Refektorium

Was bei aller Beschreibung schnell vergessen geht: Die Meute von vier fünf, die dem Maurer dicht auf den Fersen folgt, ist hartnäckig und lässt sich nicht so schnell abschütteln. Zu gross sind die Verlockungen des Unbekannten.
Also reiht er sich in der Schlange hinten ein, verbirgt den Eimer voller Mörtel unter einem Tablett. Er vertraut ganz auf die Wirkung der Düfte, die unter den Fenstern des grossen Raumes beschrieben sind. Tisch reiht sich an Tisch an der Wand entlang, leises Murmeln der Vorleser ist zu hören. Langsam schiebt sich die Schlange am Buffet vorbei, Unansehnliches häuft sich auf den Tellern. Aber diese Düfte! Als strömten sie durch die offenen Fenster herein. Als sei die Welt ein Kochtopf, in dem sich alle Kräuter und Gewürze wunderbar zusammentun.
Die Nase isst mit. Gerüche öffnen den Appetit. So heisst es doch im Volksmund. Still lacht der Maurer in sich hinein. Auf diesen Raum ist er ganz besonders stolz. Es sind die Gedanken, die kochen. Menüs, die er an die Fensterrahmen schrieb, verzaubern die Gäste und lassen vergessen, dass es eine Kantine ist, in der man sitzt. Andächtig werden Augen geschlossen, Nasen in den lauen Wind gehoben, der durch die Fenster strömt.
Ruhig ist’s. Geniessend isst sich’s inmitten klangvoller Rezepte. Dass der alltägliche Kampf um Eigenraum nur eine Tür entfernt weiter tobt – daran denkt hier keiner mehr.
Dass die Meute von vier fünf, nun verteilt an verschiedenen Tischen unter diversen Fenstern, auch den Eimer mit Mörtel auf seinem Schoss vergisst – das erhofft sich der Maurer, der, um der eigenen Versuchung nicht zu erliegen, für dieses eine Mal nichts liest.
Doch wer isst, wird satt. Ein voller Bauch erträgt Gerüche, die Speisen preisen, nicht. Er braucht Bewegung.

Timbuktu |
Markus A. Hediger am 26.10.2006
(0) Kommentare • (0) TrackbacksPermalink
Seite 1 von 1