Das Krankenzimmer

Illusionen heilen. Hier liegen die Desillusionierten. Konsequenterweise sind die doppelt verglasten Fenster nicht getönt, die Rahmen aus modernen Leichtmetalllegierungen nicht beschriftet. Die Kranken sollen sich ernstgenommen fühlen. Was hier zählt, sind ihre eigenen Geschichten.
Die Krankengeschichten sind auf die Aussenwand geschrieben. Jeder, der vorbeikommt und durch das Fenster blickt, soll wissen, wer darin liegt. Und weshalb. Dem “Selber schuld” werden leise gefauchte Geschichten entgegengehalten. Wisst ihr, zischt es von den aufgeschlagenen Fensterläden, von dem Leid, das ihr uns zufügt? Ihr tätet es nicht, wenn ihr von dem Elend wüsstet, das wir gesehen haben. Ihr läget neben uns.
In einem Raum, der an Bettenmangel leidet. Oder an chronischer Überbelegung. Wie man’s nimmt. Folge einer verfehlten Gesundheitspolitik.
Gebt den Kranken Stifte in die Hand und schiebt ihre Betten unter die Fenster, hat der Maurer den Ärzten zugeflüstert, es muss ja keiner was davon erfahren. Natürlich weiss er, dass es Zeit braucht und die Aneignung gewisser Fertigkeiten. Aber Geld für externe Experten ist ja nicht vorhanden, die Gesundheitskosten explodieren, die dringend benötigte Innenraumexpansion wurde aus dem Budget gestrichen. Weshalb also nicht…
... die Patienten dem eigenen Schicksal überlassen? haben da die Ärzte gefragt.
Nein. Das Schicksal in ihre Hände geben.
Diesen Unterschied versteht kaum einer. Da mag der Maurer den Ärzten keinen Vorwurf machen. Er hat versucht, es ihnen zu erklären, doch jetzt muss er weiter und eilt davon. Und hinter ihm her eine Meute von fünf sechs. Einer von ihnen ist krank.

Timbuktu |
Markus A. Hediger am 26.10.2006
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