Das Hinterzimmer

Die Wand, die der Maurer aus Weiden flicht und mit Mörtel verputzt, ist nur Vorwand. Ein Mittel zum Zweck. In eine Wand gehört ein Fenster, um das Fenster ein kunstvoll erdichteter Rahmen. Deshalb ist ihm das dunkle Zimmer verhasst, das man betritt, indem man zuerst im Restaurant eine üppige Mahlzeit zu sich nimmt, danach die Küche inspiziert und als Vorwand Vorfreude nennt, um nun auch Vorratskammer zu begutachten, und schliesslich hinter einem Regal jene Luke findet, die in besagtes fensterlose Zimmer führt.
Hier Tagen die Politiker. Hier hecken sie die Wahlslogans aus, hier malen sie ihre Schlagworte an die Wände und überprüfen ihre Wirksamkeit. Die Stadt muss befriedet werden. Man ist sich einig. Grund allen Übels sind die unterschiedlichen Aussichten auf die Welt. Sie erzeugen Neid, Missgunst, Habgier und Klassenunterschiede. Nichtssagend muss den Einwohnern von Timbuktu die Welt erscheinen, dann wird ein Raum ihnen nur das sein, was er ist: ein Raum und den anderen gleich.
Also schwärmen sie aus und übertünchen die Fensterläden mit Kalk, warten, bis er trocknet, und kopieren dann darauf die Worte von den Wänden ihres Sitzungszimmer.
Das Problem ist: Niemand will ihnen glauben. Kaum sind die Politiker verschwunden, engagiert Timbuktus Bevölkerung ihre Dichter, die der politischen Weltfremdheit die Fremde nehmen. Wir fördern die Kunst, sagen daher die Politiker, ohne uns wären unsere Schriftsteller arbeitslos. Doch der Maurer schüttelt traurig nur den Kopf und denkt mit Wehmut an all die Welten, die unter dem Kalk schon verblichen sind.

Timbuktu |
Markus A. Hediger am 26.10.2006
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