Das fehlende Glied

Hinter den Hügeln von Hau-Pei brach der Morgen an. In den Wäldern sangen die Vögel. Leichter Nebel schwebte über dem Bach, der an Witwe Juan Quzis Haus vorbeiplätscherte. Noch schlief sie darin und träumte vom Krieg, der ihr Mann und Bein genommen hatte. Dieser und andere, ähnliche Alpträume plagten sie, wenn sie im Morgengrauen endlich in einen unstillen Schlaf fand. Der Krieg war nicht vorbei, träumte sie. In ihren Träumen war kein Friede. Sie sah darin Raupenfahrzeuge durch die Wälder brechen, hörte scharfe Schüsse in der Nachbarschaft, hörte, wie der Gartenzaun durchbrochen wurde, hörte das leise Surren von Kameras, das Quietschen kleiner Gummireifen auf blankpolierten Dielen, hörte, wie die letzte Tür aufgeschoben wurde.
Witwe Quzi erwachte und blickte in das blinkende rote Auge eines Erkundungsroboters der PHANTOM-Serie. Sie erschrak, griff nach ihrer Krücke, sie wollte flüchten, griff, statt an Holz, an einen kalten Lauf, der sich sanft in ihre Hand schob. Das Eisen der auf den Roboter montierten Schussanlage fühlte sich fest an. Witwe Quzi liess nicht los. Sie zog sich daran hoch, bis sie aufrecht stand. Feinfühlig folgte die Maschine ihren Bewegungen, ahnte sie voraus, gab der armen Frau Halt. Witwe Quzi wollte in die Küche. PHANTOM verhielt sich ganz wie das Bein, das ihr fehlte.
Den Mann jedoch konnte er ihr nicht ersetzen.

Indochina |
Markus A. Hediger am 09.01.2007
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