Das Familienalbum (1)



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Für Casper

Wenn man sich die Fotos im Familienalbum anschaue, die in Abständen von Monaten, manchmal Jahren, geschossen worden seien, könne man buchstäblich sehen, wie es passiert sei. Wie in einem Zeitraffer. Aber auf diesen Gedanken sei man nie gekommen: das Familienalbum betrachten und sich Böses dabei denken. Ja, wie denn auch. Erst als es zu spät gewesen sei. Aber im Nachhinein wisse man es immer besser.
„Darf ich?“
Das Fotoalbum liegt auf dem Couchtischchen, zwischen Teetassen und einem Schälchen Gebäck. Seit ich das Wohnzimmer betreten habe, habe ich es im Auge. Ich kann es kaum erwarten, die privaten, bislang unveröffentlichten Bilder Augusto Sadermanns zu sehen. Rosa, Sadermanns älteste Töchter, ist eine leise Frau: unauffällig, behutsam auch in ihren Bewegungen. Das graue, lange Haar trägt sie offen, ihren Kopf aufrecht. Nicht stolz, das wäre der falsche Ausdruck, sondern eher, ja, mit Fassung: als sei sie sich in jedem Augenblick ihrer Herkunft bewusst, als wisse jede Zelle ihres Körpers, wessen Kind sie ist. Eine Haltung, wie sie im alten Geldadel grosser südamerikanischer Städte oft zu finden ist. Hier, in der zierlichen Gestalt dieser Dame, tritt sie jedoch nicht mit jener Selbstsicherheit auf, wie sie das Wissen um eine lange Tradition verleiht, sondern zerbrechlich, angreifbar.

Der Briefwechsel vor unserem heutigen Treffen hatte sich sehr sachlich gestaltet, eine aufs Geschäftliche reduzierte Korrespondenz, in der ich der verwitweten Tochter des berühmten Fotografen mein Anliegen unterbreitet und sie mir daraufhin die Bedingungen genannt hatte. Sehr nüchtern und entschlossen hatte sie sich in ihrer Schrift zu erkennen gegeben. Jetzt aber, da ich ihr gegenübersitze, glaube ich eine alte Trauer in ihren Bewegungen auszumachen.
„Ihr Vater starb vor nun bald zehn Jahren?“
Es ist eine dumme Frage, natürlich, denn deshalb bin ich ja hier: Ich will einen Artikel zu Sandermanns zehntem Todestag zu schreiben, als erster Journalist überhaupt Einblick in das private Fotoarchiv gewinnen. Mit meiner Frage versuche ich das Eis zu brechen, denn die Stille dieses Wohnzimmers ist mir unangenehm, ich fühle mich nicht wohl in dieser fremden Welt. Aber Rosa reagiert mit einem strafenden Blick auf meine Frage und weist mich auf unser Abkommen hin:
„Wir hatten vereinbart, nicht über meinen Vater zu reden. Ich versprach Ihnen lediglich, seine Fotografien zu zeigen. Diese Bilder werden Ihnen alles sagen, was Sie über meinen Vater wissen müssen.“
Mit beiden Händen greift sie jetzt unters Buch, hebt es sorgsam auf und reicht es mir auf ihren Handflächen wie auf einem Tablett.
„Bitte sehr.“
Ich kann das leichte Zittern meiner Hände nicht verbergen, als ich das grosse, in Leder gebundene Buch aufschlage und mein Blick auf das erste Foto fällt.


imagines familiae |
Markus A. Hediger am 10.09.2008
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