Worthülsen
Im “Handbuch für Selbsterhaltung”, das jeder Grenzsoldat am Tage seiner Vereidigung erhalten hat, finden sich - eingebettet in die Geschichte des Gewehres - folgende Zeilen:
“Das uns bedrohende Unbegreifbare wird durch unsere Sprache isoliert, verdichtet und geformt, bis es greifbare Gestalt annimmt. So verfahren wir mit allem, das unser Gemüt bedrängt und wofür wir keine Worte finden: Wir schneiden es mit scharfer Zunge wie einen Tumor aus unserem Innern, wir legen es vor unser Auge, geben ihm einen Namen und schiessen darauf. Das Gewehr ist eine Worthülse.”
“Das Gewehr”, schreibt auch Bellelli in seinem Tagebuch, “ist eine Worthülse. Ich habe sie aufgebrochen und darin nichts gefunden. Sara heisst die Frau, die mich besuchte. Ich verstand ihren Namen nicht, doch als sie ihn mir öffnete, fand ich darin Gase, die sich verflüchtigten und sich meinem Zugriff entzogen.”
Ich liege mit dem Rücken auf der Oberfläche. Von den Hängen in der Ferne murmelt der Wind herab. “Versucht nicht, den Wind zu verstehen”, heisst es an anderer Stelle im Handbuch. “Er gaukelt euch vor, es gebe eine andere Sprache als die unsere. Achtet auf den Feind, der aus dem Norden kommt.”
am 20.12.2006
Das wird alles sehr dicht und präzisiert sich fast selbst.
Woran ich stolperte: “aufgebrochen” erschien mir als Bruch (Patronenhülsen sind, meiner Erinnerung nach, aus relativ weichem Stahl) zudem an einem Ende offen, da das Projektil ja schon den Weg allen Seins genommen hat.
grau am 21.12.2006 um 08:45
sie haben recht. ich hatte bei dieser wortwahl offensichtlich das “wort” im sinn, das aufgebrochen werden muss, damit es seine bedeutung preisgibt. dieser text nimmt eh eine richtung, die eine gesamthafte reevaluation bestimmter gewählter bilder notwendig machen wird, wenn er denn einmal so weit ist, dass ein fertiger, in sich geschlossener text daraus gemacht werden kann.
danke für den hinweis. es ist eine erinnerung daran, dass auch skizzen ein mindestmass an aufmerksamkeit erfordern.
mah am 21.12.2006 um 09:59
hoppla!
erst jetzt habe ich gemerkt, dass im text von patronen- gar nicht, sondern von worthülsen die rede ist. da muss ich nun wirklich nochmals drüber nachdenken, ob ich den text nicht doch so dastehen lasse…
(das zeigt aber, dass ich diese zeilen tatsächlich ziemlich schnell hingeworfen habe und nicht mehr ganz präsent hatte, als ich ihren kommentar dazu las.)
mah am 21.12.2006 um 12:55
wenn schnell hingeworfen, dann doch sehr schön gelandet. Und das Bild der Patronen-/ Worthülsen gefällt mir außerordentlich. Aber auch ich habe die einzelnen Texte als Skizzierung gelesen - nur, dass sie allmählich dichter werden, mehr “Fleisch ansetzen”. Wirklich sehr schön, ich mag das.
grau am 21.12.2006 um 17:26
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