Wie meine Hände nach ihren Flügeln

1
Seelen, Geister, Dämonen, Götter wollen in den Körper, weil nur dort die Sprache ihre Erfüllung und ihr Ende findet.

2
In seinem epischen Roman „Brasilien Brasilien“, beschreibt João Ubaldo Ribeiro, wie zur Zeit von Brasiliens Kolonialisierung Seelen wie Hühner auf einer Hühnerstange darauf warten, dass ein Körper frei wird, in den sie fahren können. Da sie keine Augen haben, sind sie blind. Die Blindheit macht sie auch ungeduldig, denn ohne Augen sehen sie nicht, was in der Welt vor sich geht. Die Zeit scheint nicht zu vergehen. Gelegentlich reisst einer Seele der Geduldsfaden, sie hüpft von ihrer Stange in die Welt hinein und fährt in den erstbesten, noch unbesetzten Körper. Das kann ein Stein sein, ein Baum, ein See, eine Welle, ein Regentropfen. Hat sie das ganz grosse Pech, fährt sie in eine Leiche und von dort weiter direkt in die Hölle. Zieht sie das ganz grosse Los, fährt sie in ein Neugeborenes.

3
Im Körperlosen ist die Seele allein mit ihren Gedanken, die kein Ende finden, sich fortspinnen von Satz zu Satz, immer wieder zurückkehrend zu dem, was ihr Alptraum ist. Schafft sie es aber in ein Baby, beginnt das langsame Wachstum ins Bewusstsein hinein und mit ihm die lange Suche nach jener Tat, die sie erlöst. Geister benötigen einen Körper, durch den sie ihre Trunksucht besänftigen können; Dämonen sind auf Körper angewiesen, denn nichts ist verführerischer als Fleisch; Götter sind ohne Körper, durch den sie sprechen können, aufgeschmissen: Ohne Zunge, die für sie spricht, ist ihre Botschaft der Verdammnis nur ein Gedanke, gleichbedeutend, gleich unbedeutend wie das flüchtige Heil, das in einem Moment göttlicher Gnade ihr Gemüt besänftigt.

4
Über die Menschwerdung von Engeln ist wenig bekannt. Man weiss nur, dass es gelegentlich vorkommt, kennt aber die Gründe nicht, die sie dazu bewegt. Engel sind Boten, die den Menschen Nachrichten übermitteln, sie warnen, ihnen Hoffnung geben. Der Botschafter muss die Botschaft nicht verstehen, um sie korrekt weitergeben zu können. Es ist nicht seine Aufgabe, sich über ihren Inhalt den Kopf zu zerbrechen. Er könnte ihre Sinnhaftigkeit hinterfragen.

5
Ausgehend von ihrer Funktion wage ich die Schlussfolgerung, Engel seien keine sprachlichen Wesen. Sie reden, aber sie verstehen nicht. Sie überbringen den Befehl, warten aber nicht ihre Ausführung ab, denn sie sind nicht in der Lage, sie zu beurteilen.

6
Als ich Patricia kennenlernte, nannte ich sie verliebt und ahnungslos einen Engel. Später, als ich sie umarmen durfte, erwischte ich mich dabei, wie meine Hände nach ihren Flügeln suchten. Sie sehnte sich nach Stille, nach einem Abschweigen der Sprache, die sie als Mensch hatte erlernen müssen. In der Depression fand sie den einzigen Weg zurück in die Sprachlosigkeit. 

am 26.03.2008

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