Wie Mandrake in die Schachtel kam.
Anfangs machte Mandrake die ungewohnte Körperlage Mühe. Keine Viertelstunde war seit seiner Verräumung vergangen, da machte sich sein gekrümmter, zum Zerreissen gespannter Rücken mit heftigen Schmerzen bemerkbar. Mandrake versuchte sich zu strecken, aber da war nichts zu machen. Die Schachtel war eng. Seine jüngste, unrühmliche Vergangenheit nahm ihm auch den letzten Platz, den es hier drin noch gegeben hätte. Das zerknüllte Papier seiner verunglückten Memoiren stopfte kompakt jeden Freiraum aus.
Mandrake gab sich keinen Illusionen hin. So gründlich hatte er in seiner letzten Mission versagt, dass für Zweifel an der Dauerhaftigkeit seines jetzigen Zustands schlicht kein Platz war. Auch dafür nicht. Er hatte es sich so gründlich mit allen verdorben, einschliesslich seines Chronisten, der seine Arbeit immer aufmerksam verfolgt und – manchmal, das sei zugegeben, etwas schönfärberisch - aufgezeichnet hatte, dass eine Reaktion hatte kommen müssen.
Mandrake hatte sie erwartet, geradezu provoziert, weil er der aufgetakelten Witwen vermögender Unternehmer, der aufgeblasenen, arroganten Sprösslinge jungreicher Familien, der Art und Weise, wie diese mit Menschen aus bescheideneren Verhältnissen umgingen, so müde war, dass er ihnen nicht länger als Anwalt zu Diensten sein mochte. Für Geld konnte man sich alles kaufen? Nun denn, Mandrake hatte sie eines Besseren belehrt, hatte sich kaufen lassen und dafür die sich so sicher wähnende Geldnobilität Rio de Janeiros tüchtig aufgemischt. Die Reaktion erfolgte denn auch tatsächlich prompt, aber – immer dieses “aber”, das, wann immer es in einer Geschichte auftaucht, eine bedrohliche Wendung im weiteren Verlauf der Ereignisse verspricht… – es kam dann doch nicht so, dass er eines Morgens dank einer geschickt durch seinen Kopf geschickten Kugel nicht mehr erwachte oder auf offener Strasse am helllichten Tag von obskuren Gestalten in einen Wagen mit abgedunkelten Scheiben gestossen, ausserhalb der Stadt verfrachtet und auf einem verlassenen Acker ohne Federlesens exekutiert wurde, sondern so. Die schlimmste aller Möglichkeiten: ausrangiert, im Keller verstaut, nicht weggeworfen.
Es gibt Menschen, die hängen an nutzlosen Dingen.
am 24.07.2007
ich finde es herrlich, wie sie den herren beschreiben und mit samt seiner geschichte diesen platzmangel in der kiste erleben lassen.
“eine jüngste, unrühmliche Vergangenheit nahm ihm auch den letzten Platz, den es hier drin noch gegeben hätte. Das zerknüllte Papier seiner verunglückten Memoiren stopfte kompakt jeden Freiraum aus.”
das ist so ein sehr eingängiges und unverbrauchtes bild, eine verständliche symbolik, etwas existenzielles (um mit hernstschen worten zu reden)
auch diesem hier kann ich nur zustimmen:
“Die schlimmste aller Möglichkeiten: ausrangiert, im Keller verstaut, nicht weggeworfen.
Es gibt Menschen, die hängen an nutzlosen Dingen.”
ich beziehe es auf dinge und auf menschen. und finde mich und andere bekannte menschen ein stückweit darin wieder.
Biggy am 24.07.2007 um 10:04
sorry- ich meinte mit Herbst`schen worten
Biggy am 24.07.2007 um 10:05
danke :-)
das ist nur das vorspiel einer furiosen jagd durch einen text auf der schwelle zwischen märchenland und marktwirtschaft: magisch und unerbittlich.
warten sie nur, bis mandrake wieder ausgepackt wird!
(von herbst wird diese geschichte sehr weit entfernt sein. hier geht es um den spass am fabulieren, und um weiter nichts. im prinzip ist es eine schreibübung, der versuch, den stil, den p.- und ich in der wendeltreppe entwickeln, hier auch als einzelautor zu erkunden: mit viel, viel spass an der arbeit.)
Markus am 24.07.2007 um 10:58
ja, das ist unverkennbar- ihr stil und die verquickung der realitäten. das zieht mich magisch an.
das herbstschen wort bezog sich nur auf das in der letzten diskussion so im mittelpunkt stehende “existenzielle”. das zeigt sich in michaels und ihrer art des schreibens mehr als in jedem klassischen realismus. nur muss man dann auch zwischen den zeilen mitlesen. :)
und das ist wieder etwas, womit ich sehr viel anfangen kann. (wenn ich vielleicht auch andere löcher betrachte als beabsichtigt)
Biggy am 24.07.2007 um 12:49
es sind vor allem die unbeabsichtigten löcher, die sich als besonders interessant erweisen. nicht nur betrachten, sondern rein in die höhle!
Markus am 24.07.2007 um 13:41
hehe, wenn ich etwas betrachte, befinde ich mich bereits immer (!) schon mitten drin. ich bade mich wie eine quieckende drecksau, wenn man so will…
ich weiß nicht, ob ich es schon anderer stelle geschrieben habe- seit ich perkampus lese (und jetzt auch seit ich ihre texte lese), empfinde ich andere wie kalten kaffee und es würgt mir oft im halse, so dass ich es unverdaut wieder ausspucke. einmal von diesem (eurem) stileis genascht, sind die geschmacksknospen für immer geimpft.
Biggy am 24.07.2007 um 14:23
seit ich perkampus lese (und jetzt auch seit ich ihre texte lese)
das ist ein riesiges kompliment und bedeutet mir sehr viel…
ich danke, nicht ohne zu erröten. :-)
Markus am 24.07.2007 um 14:54
Mandrake verschachtelt…
Mein Hut lüftet sich leis. DAS meinte ich, als ich von Deinen Möglichkeiten schrieb.
Benjamin Stein am 25.07.2007 um 22:42
@Benjamin: Ich habe verstanden, was Du meinst, und ich danke für den angehobenen Hut. ;-)
(Du wirst mich aber hoffentlich entschuldigen, wenn ich die Überzeugung vertrete, dass das andere AUCH meinen Möglichkeiten entspricht. Ich schreibe eben nicht nur so wie hier. Was ich dort schreibe, ist mir ebenso lieb.)
Markus am 26.07.2007 um 03:12
dass das andere AUCH meinen Möglichkeiten entspricht
Aber ja doch.
Benjamin Stein am 26.07.2007 um 07:38
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