Wie ich Astrid wiederfand

Unter Schachteln auf unserem Balkon, da flackerte sie. Meine Frau und ich hatten uns den Samstag freigehalten, um dort etwas Ordnung zu schaffen. Ich zerschnitt Kartons, packte sie in Abfalleimer, band alte Zeitungen zusammen, entsorgte alte Blumentöpfe. Erst tauchte ein ramponierter und sonnengebleichter Salontisch unter dem Müll auf. Als ich das Tischchen anhob, stand eine Petroleumlampe da, etwas verrostet, aber noch immer hübsch, ein bisschen nostalgisch. Ich hatte sie vor Jahren aus ausgemusterten Beständen des Schweizer Zivilschutzes (wo ich im Rang eines Leutnants diente, bis ich meinem Kommandanten die Meinung sagte und daraufhin klammheimlich aus dem Dienst entlassen wurde (eines Tages erhielt ich Post, worin ich aufgefordert wurde, bis dann und dann meine Uniform - am liebsten auf dem Postweg - vollständig und gewaschen zu retournieren)) für wenige Franken erstanden, weil sie mich an die Leuchten erinnerte, die wir in Brasilien verwendet hatten, als Elektrizität noch nicht überall zu haben war und von überhöhten Strompreisen niemand sprach.
Astrid, die Flamme, fand ich erst Monate später. Bei Freunden an einem Fest verliebte ich mich in diese feurige Frau (später erfuhr ich, dass sie verheiratet war, dass ihr Mann aber im Ausland arbeitete und die Tür ihrer Wohnung offen stand für gelegentlichen Männerbesuch). Wir verbrachten einige heftig schöne Abende und Nächte miteinander. Sehr heiss und leidenschaftlich war uns zumute. Ich liebte sie, sie liebte mich. Manchmal rief ihr Mann mitten in der Nacht an, und sprach auf den Anrufbeantworter, sie möge den verdammten Hörer abnehmen, hallo, ASTRID, verdammt, wo treibst du dich rum! Es waren die einzigen Momente, da es uns ein bisschen kalt wurde, nackt wie wir waren, und das schlechte Gewissen uns plagte. Astrid war eifersüchtig und ich musste acht geben, in ihrer Gegenwart nicht von verflossenen Lieben zu erzählen. Sie vertrat die Meinung, wer von einer Ex spräche, habe sie ganz offensichtlich noch nicht vergessen. Dann flog ich für zwei Wochen nach Amerika, und bat eine liebe Ex, meinen Katzen während dieser Zeit etwas Futter zu geben. Als ich zurückkam, fand ich einen Blumenstrauss in meiner Wohnung, übel zugerichtet, auf dem Boden verstreut die zerrissenen Überbleibsel einer Karte mit liebem Gruss. Wie sich später herausstellte, hatte Astrid mir eine Überraschung machen wollen und war dabei auf den unschuldig gemeinten Willkommensgruss meiner Ex gestossen. Astrid war nicht zu beruhigen. Sie stand in Flammen, so eifersüchtig war sie. Nicht einmal meine Uniform (die sie ganz wild machte), vermochte sie abzulenken. Da griff ich zur Petroleumlame. Irgendetwas sagte mir, dass sie dem Angebot nicht würde widerstehen können. Ich hob das Glas an, Astrid sprang an den kerosingetränkten Docht, ich senkte das Glas und stellte die Lampe auf den Balkon unter das besagte Tischlein, wo sie ein sehr angenehmes Hintergrundleuchten erzeugte. 

am 05.07.2007

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