Wenn Frau Baronin von Camanducaia ihre Röcke

1
1849 wurde Rio de Janeiro von einer Gelbfieber-Epidemie heimgesucht. Es war ein schwüler, nasser Sommer. Schwarz war das Wasser in den Pfützen auf Strassen und in Hinterhöfen von den Larven der Aedes aegypti, die hier wegen ihrer hellen Streifen auf Leib und Gliedern auch Tigermücke genannt wurde. Besonders schlimm traf es das Quartier Entre Morros, das zwischen malerischen Hügeln in einer Talmulde liegend, sich in diesem Jahr in einen schwirrenden Sumpf verwandelte. Als Nachrichten von den gehäuften Todesfällen in Entre Morros den kaiserlichen Palast erreichten, verordnete Dom Pedro II. die komplette Abriegelung des Stadtteils. An den Talausgängen patrouillierten Infanterieeinheiten. Eingekesselt und sich selbst überlassen, überlebten von den ursprünglich etwa 500 Einwohnern von Entre Morros ganze zwölf.

2
Der Schmerz, nicht nur einen Lieben, sondern praktisch alle ihm nahestenden Menschen zu verlieren, muss unvorstellbar gewesen sein. Zu Beginn hörten die Soldaten, die an den Zufahrtsstrassen nach Entre Morros Passanten den Ein- und Ausgang verwehrten, noch die herzzerreissenden Klagen der Überlebenden. Die schrillen, langgezogenen Schreie fuhren den Wachen zwischen Hals und Kragen und erschütterten ihr Mark und Bein. Dann wurden die Stimmen heiser, leiser, bis sie endlich ganz verstummten.

3
Das Portugiesische ist, im Gegensatz zum Deutschen, eine ungefähre Sprache. Während das Deutsche nicht um den heissen Brei herumredet und möglichst rasch zur Sache kommt, indem es die Sache beim Namen nennt, umkreist das Portugiesische seinen Gegenstand. In vorsichtigen, um penible Genauigkeit bemühten Sätzen nähert es sich der Vorstellung, die es im Geiste des Lesers oder Hörers erzeugen will, von allen Seiten, kreist es ein und zieht die Schlinge immer enger. Unterdessen ist der Brei kalt geworden, der Leser weigert sich, seinen Mund für den Löffel zu öffnen, den ihm das Portugiesische hineinschieben will. Nur wenn der Brasilianer die Gitarre zur Hand nimmt und singt, findet er die rechten Worte. Seine Sprache ist die Musik, das Wort ein Instrument.

4
1874 spaziert der junge Schriftsteller Artur Peixoto tief in Gedanken versunken durch die Strassen von Rio de Janeiro. Sein Weg führt ihn vorbei am Kloster von São Bento, von dort weiter in die hügelige Region von Rio Comprido bis an den Fuss des Corcovado, auf dessen Gipfel noch kein Christus steht. Peixoto ist ein begeisterter Anhänger der aufkommenden republikanischen Bewegung. In seinem Geist verfasst er glühende Manifeste und sieht den Kaiser bereits entthront. Der üppige Lebenswandel des kaiserlichen Hofes, die ausschweifenden Gewänder des Adels, der Gestank, der die Luft vergiftet, wenn Frau Baronin von Camanducaia ihre Röcke zum Grusse lupft - es ist ihm alles verhasst und ist ihm Sinnbild für die Tropen, wo ebenfalls alles fröhlich wuchert und farbig floriert, während es unter dem Laub kräftig modert. Von der Republik erhofft sich Peixoto die Erlösung von alledem. Der republikanische Geist folgt nicht den Gesetzen der Natur, er lässt sich nicht hinreissen von den Verlockungen einer saftigen Frucht, er macht sein Geschäft nicht in die Schüssel eines Sklaven in einer stickig dunklen Ecke des Palasts, sondern auf einem eigens dafür gebauten Abort. Für sein zartes Alter von 24 Jahren konstruiert Peixoto bereits recht schwierige Sätze. Seine Haut ist blass, die Stirne hoch, das Auge fahl.

5
Am 7. März 1808, vor zweihundert Jahren also, traf die königliche Familie Portugals in Rio de Janeiro ein und liess sich auf brasilianischem Boden nieder. Aus diesem Anlass werden zahlreiche, in Vergessenheit geratene Bücher aus der kaiserlichen Epoche Brasiliens wiederentdeckt und neu aufgelegt. Darunter findet sich auch das schmale Bändchen “Zwischen Hügeln, ganz im Kopf” (Entre Morros, na Cabeça por Inteiro”), verfasst von Artur Peixoto nach der Rückkehr von seinem Spaziergang zwischen den Hügeln von Rio de Janeiro. 

am 16.03.2008

Name:

Email:

URL:

Ihr Kommentar:

Cookie?

Benachrichtigen?

Geben Sie die untenstehende Zeichenfolge ein: