Während sie sprach, ein bisschen tote Haut

1
Agata Poera, wie sie da aus der halbverfallenen Villa in den Abend von Entre Morros vor die Augen des gescheiten Artur Peixoto trat, erinnerte mich an Orszula. Vielleicht, weil ich mich von Peixotos überschwenglicher Beschreibung jener sonderlichen Gestalt blenden liess und in Agata die schöne Frau sehen wollte, die Orszula für mich gewesen war.

2
Will man den Worten Peixotos glauben, hatte Agata mit Orszula nur die Zierlichkeit ihrer Gestalt gemein. Die schmale Taille, sanfte Hüften, üppig auch nicht an der Brust. Aber wo Orszula immer die neueste Mode trug, geschmeidige Tücher selbst im Winter, war Agata ungewaschen. Wo Orszula duftete, dass nicht nur Männer ihr nachschmeckten, wenn sie an ihnen vorüberging, lag Dreck auf Agatas Haut. Im schwindenden Licht schien Peixoto die Frau, die ihm da entgegenkam, unsicher auf den Beinen wie eine steife Marionette, behangen mit Wäsche in Übergrösse aus der Mottenkiste, verstaubt, muffig. Eine ungepflegte, unattraktive Erscheinung insgesamt, wäre da nicht Agatas Kopf gewesen.

3
Der so gänzlich anders war als Orszulas. Orszulas Kopf hätte man problemlos auf die Nachbildungen griechischer weiblicher Torsos aufsetzen können: Über den Hals übers Kinn zur Nase und hinauf zur Stirn setzte sich die Eleganz ihres Körpers fort. Sinnlich ihre Lippen, zum Anbeissen schön ihre Wangen, wild und dunkel ihre Augen. Bei Agata jedoch war alles Fleisch aus dem Mund gewichen, durch die Haut auf ihren Zähnen schimmerten diese dunkel durch, über ihren Augen hingen schwer die Augenlider, Wimpern von altem Staub verkrustet, die Stirne unverhältnismässig hoch.

4
Entzückt verbeugte sich Peixoto vor dieser absonderlichen Gestalt. „Guten Abend, Senhora“, sagte er. Kurz zwang Agata ihre Augen einen spaltweit auf. „Haben Sie meinen Mann gesehen?“ fragte sie und ihre Stimme klang wie in dichten Nebel gesprochen, körperlos. „Man sagt mir, er sei verreist. Aber wohin? Wo ist mein Mann?“ Von ihren Wangen blätterte, während sie sprach, ein bisschen tote Haut, dann schloss sich ihr Mund und ohne eine Antwort abzuwarten, schritt sie an ihm vorbei auf den Boulevard hinaus, wohin unterdessen auch andere märchenhaft verstellte Figuren gefunden hatten.

5
Was der junge Peixoto in Agata sah: Vermutlich dasselbe wie ich an Orszula. Wer den überaus grössten Teil seiner Zeit in seinem eigenen Kopf verbringt, ist ein einsamer Mensch und sehnt sich nach dem, was als Einziges diese Einsamkeit beenden kann. Artur Peixoto wollte Liebe. Und Liebe, das weiss man, schert sich einen Dreck um Äusserlichkeiten.

am 21.03.2008

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