Von drei Mäusen verfolgt

1
Im November letzten Jahres am Flughafen, noch genauer: am Zoll. „Was ist in dieser Schachtel?“ „Meine Manuskripte.“ „Schriftsteller?“ Ich nickte. Niemand glaubt mir das. Der Zöllner nahm ein Messer („Vorsicht!“ rief ich noch, zu spät) und schnitt die Schachtel auf. Der Professor für vergleichende Literaturwissenschaft Tranquill Wehenfeuer sprang – in schwerem Wintermantel und mit wildem Blick – behende aus meinen geliebten Annotationen und eilte davon. Der Zöllner versuchte erst gar nicht, ihn aufzuhalten.

2
„Das ist illegale Einfuhr“, meinte der Zöllner schulterzuckend zu mir. „Sie werden sich dafür verantworten müssen.“ „Geistiges Eigentum ist deklarationspflichtig?“ fragte ich. „Alles, was Sie importieren, muss verzollt werden.“ „Der Professor ist wertlos. Eine untaugliche Figur. Sehr widerspenstig. Fügt sich in keinen Text. Wertschöpfungspotential gleich Null.“ „Über Wert und Steuerklasse entscheiden unsere Inspektoren. Sie werden von uns hören.“

3
Ich vergass den Zwischenfall. Im März erhielt ich eine Rechnung über umgerechnet etwa 3000 Franken. Ich war entsetzt. Soviel hatte ich in meinem ganzen Leben mit der Schriftstellerei nicht verdient! Ich rechnete die mir belasteten Importzölle zusammen: Veranschlagter Wert des Professors: 30 Franken. Transportkosten (diese werden dem Warenwert hinzugerechnet und auf dieser Summe dann die Importzölle berechnet): 1400 Franken (so viel hatte ich für mein Flugticket bezahlt). Alle Zölle insgesamt ergaben etwas mehr als 100 Prozent. Mein Schwiegervater riet mir, die Rechnung fristgerecht zu zahlen. „Du willst mit dem Finanzamt keine Schwierigkeiten haben, glaub mir.“

4
Vor einigen Tagen kam ich im Stadtzentrum an einer Buchhandlung vorbei. Ich widerstand nicht und betrat den Laden. Ausser drei Angestellten befanden sich darin eine hübsche Studentin und ein älterer Herr. Dieser trug, salopp über die Schultern gehängt, einen schweren Wintermantel. Es ist heiss in Rio, selbst im Herbst. Ich schaute genauer hin.

5
Instinktiv ging mein Blick in die dunklen Ecken zwischen den Regalen. Und da waren sie, die drei braunen Mäuse, die dem Professor auf Schritt und Tritt zu folgen pflegten.

6
Ich machte, noch bevor der Professor meine Anwesenheit bemerkte, kehrtum. Verliess den Laden, winkte einem Bus, fuhr heim. In der folgenden Nacht schlief ich so gut wie schon lange nicht mehr. Mich schmerzten die 3000 Franken, die ich für den Professor hatte zahlen müssen, noch immer. Aber den Professor vermisste ich nicht. Als Figur mochte er interessant gewesen sein, doch für einen Plot war er gänzlich uninteressant. Denn was für ein Ende hätte ich einer Gestalt auf den Leib schreiben können, die von drei Mäusen verfolgt wird, die jedes Buch, das er liest, auffressen, sobald er es zuklappt und beiseite legt?

7
Professor Tranquill Wehenfeuer war tragische Figur und schreckliches Schicksal in einem.

[So, oder so ähnlich: Erster Text für die monatliche Kolumne in „e_spaços. revista de literatura.“ Der portugiesische Text Befindet sich zur Zeit noch in Überarbeitung.]

am 03.05.2008

Da Du aber den überflüssigen Professsor schon wiedergefunden hast, hättest Du ihn wenigstens bei e-bay verhökern können (die Mäuse separat verpacken und verscherbeln), um die 3000.- wieder reinzukriegen - Mantel und den hübschen Namen auch noch je einzeln, dann hättest Du sogar noch dran verdient. Und danach hätte der Prof. vielleicht etwas erlebt, das wieder des Erzählens wert gewesen wäre, oder das Protagonistentum wäre auf einen pittoresken Käufer übergegangen, den Du wieder literarisch ausgebeutet und nach Gebrauch oder bei Nichtgefallen erneut auf den Schwarzmarkt geworfen hättest. Dideldum im Kreis herum.

La Tortuga am 03.05.2008 um 13:05

Vielleicht sollte ich ein Geschäft gründen, das meine Ideen, die ich nicht selbst zu Papier bringe, weil mir die Zeit und - zugegeben - auch das Handwerk dazu fehlt, an ideenlose Schriftsteller verkaufen würde…
Wer mag, kann anfragen. Ich unterbreite dann per Email meine Ideen. Findet man Gefallen an einem meiner Einfälle und erklärt sich bereit, ihn zu verwirklichen - erst dann wird die Ideenpauschale von - sagen wir - 500 Franken fällig. Auf nachträgliche Forderungen (zum Beispiel für den Fall, dass das auf meiner Idee gewachsene Buch ein Bestseller würde) verzichte ich ausdrücklich nicht. Ist doch fair, oder?

Markus am 03.05.2008 um 13:25

Fair schon, ja. Allerdings glaube ich nicht dass es funktioniert, weil das eigentliche Problem darin besteht, dass jeder Schriftsteller zuviele Ideen hat, um sie jemals alle schreiben zu können (ein Schriftsteller ohne Ideen?! - Ist vermutlich keiner). Nichts Lästigeres als die ständigen Angebote: “Du, ich hab da eine geile Idee, schreib das doch” (und am Ende gar: “und beteilige mich"). Aber selbst wenn: ich glaube es ist ohnehin unmöglich, fremde Ideen zu verarbeiten, mit Ausnahme dessen natürlich, was man sich - meist unbewusst - zusammenklaut und aneignet.
Versuchs trotzdem; für alles finden sich Käufer, es ist zum Klötze staunen, und es gibt glaube ich entgegen aller Naturgesetze schon Leute die sagen: “Ich würd gern schreiben, aber ich habe keine Ideen.” Denen kann geholfen werden.

am 03.05.2008 um 13:33

ich bin ja auch nicht der erste, der diese idee hatte. und funktionierte sie, wären wir alle reich.
schreiben wir also weiter unsere geschichten und nehmen wir die, die uns nicht gelangen, mit ins grab. writers rest in good company. das ist doch auch schon was, oder?

Markus am 03.05.2008 um 14:13

Du rettest mir den Tag. Von dieser tröstlichen Seite habe ich das noch nie angesehen. Ich dachte immer, es endet mit tristesse à la Keats, here lies One Whose Name was writ in Water.

am 03.05.2008 um 14:24

was ist so schlimm an “writ in water”? “writ in stone” wäre viel schrecklicher. “writ in fire” wäre schön, “writ in breath” am schönsten.

Markus am 03.05.2008 um 14:40

"writ in breath”, wie schöööön! So würdest Du erst mit der Gesamtmenschheit sterben.
Bei Keats ist es ja eigentlich doppelt “writ in stone”, fragt sich nur, ob er sich dessen bewusst war.
“writ in fire on the wall”?! :-)
Ich glaube, ich würde dann doch beim heimatlichen Wasser bleiben. Oder in meinem Fall ginge natürlich auch noch “writ in cowdung”.

am 03.05.2008 um 15:11
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