Verschwundene Welten
Ich habe es versucht. Ich habe meinen Finger in die Lücke gesteckt, habe sie aufgestemmt, bis mein Finger blutete, habe angestrengt hineingespäht, bis mein Auge schmerzte. Etwas streifte meine Fingerkuppe, nass, eine grosse Schuppe. Rot schimmerte es dahinter - ein rotes Land?
Bereits im Mediceischen Atlas von 1351 ist ein Land als «Insula de brazi» verzeichnet, auf einer Karte von Soleri (1385) als «Insule de brazir», auf der Karte von Pizigano, 1367, gleich dreimal als eine Art Treibinsel zwischen Irland und den Kanaren. Auf der Karte von Andrea Bianco, 1436, gibt es eine Insel «Brasil» in der Nähe der Azoren. Noch heute erinnert ein Berg namens Brasil auf der Azoreninsel Terceira in der Nähe der Stadt Angra an diese frühere Bezeichnung. Heute ist uns “Brasil” als Kontinent vertraut, er liegt nicht zwischen Irland und den Kanaren, sondern etwas weiter entfernt im Südwesten.
Es gibt Berichte von anderen Ländereien, reichen Küstenstreifen, gesichtet von Männern auf hoher See, eingetragen in Logbüchern, die verzweifelte Reisen kommentieren, Verzweiflung abgelöst von Euphorie, die in einem Rapport vor königlichen Häuptern resultierte, worauf Expeditionen ausgesandt wurden, bestehend aus tausend Schiffen, kanonenbestückt und mit viel Proviant. Tharabad, Olchon oder Saint Brendan fand man nicht und tilgte sie von den Karten.
Nur weil wir sie nicht fanden - wer möchte ihre Existenz bezweifeln? “Ländereien dritter Ordnung” nenne ich diese gefundenen und wieder verlorenen Welten, so wie es “Bedeutungen dritter Ordnung” gibt. Jedes Wort hat seine Bedeutung, die jeder kennt, an die jeder denkt, wenn er es hört. Jedes Wort hat aber auch noch andere Bedeutungen, die jeder kennt, an die aber kaum einer denkt - Assoziationen, Denunzianten des Verborgenen, Zeugen des Vergessenen. Diese Bedeutungen schwingen mit, wenn wir ein Wort aussprechen, aber selten nur deuten wir sie. Jedes Wort, schrieb Borges einmal sinngemäss, postuliert das Universum. So postuliert das Wort “Hohe See” nicht nur Wasser (1. Ordnung), sondern alles Getier, das darin schwimmt, alles Land, das sich daraus erhebt, alles Unglück, das damit kommt (2. Ordnung). Seeungeheuer (3. Ordnung) gibt es nicht, sagen wir, weil wir nur ans Wasser denken, wenn wir an der See Urlaub machen, und schimpfen damit all die Seefahrer Lügner, die vor Brasilien, in einer Bucht von Saint Brendan oder vor den Riffs von Tharabad vor Anker gingen, in Beibooten ans Ufer ruderten, von den Palmen Kokosnüsse pflückten und mit den Einheimischen sich vergnügten.
Es gibt einen Bereich unserer Existenz, wo sich die Wirklichkeit in Worte auflöst, aber doch noch seine Materialität bis zu jenem Grad bewahrt, dass wir sie sehen können. Manchmal berühren dürfen. Er bewegt sich nebenher, schreitet neben uns einher, während wir uns damit beschäftigen, was wir das Leben nennen. Manchmal zeigt er sich als Wort, manchmal verlieben wir uns in ihn. Heftig bewegt greifen wir danach und greifen ins Leere. Er ist flüchtig. Keiner hat je einen Unterwasserdrachen mit einem Netz gefangen. Aber ganz zweifellos ist er da, zwischen Oberflächenspannung und den Tiefen des Wassers. Fragt die Kinder (3. Ordnung).