Vatergeschichten

Am Abend des 1. Augusts, wir waren an diesem Schweizer Nationalfeiertag bei meinen Eltern und hatten gerade zu Abend gegessen, überkamen meinen Vater plötzlich und ganz ohne Vorwarnung fürchterliche Magenschmerzen. Mein Vater, ein zäher Kerl von 72 Jahren - wenn er sich über Schmerzen beklagt, geht’s im ganz Übel. Er wurde bleich, stöhnend lag er im Sessel. Meine Mutter gab ihm ein Schmerzmittel, ich wollte den Arzt rufen lassen, doch Mutter meinte, das Mittel wirke bald. Doch dann wurden die Schmerzen noch stärker, innert kürzester Zeit war mein Vater kaltschweissgebadet. Minuten später waren Ambulanz und Notarzt da. Vater hielt meine Hand umklammert, ich hatte Angst. Meine Mutter, die sonst die Ruhe in Person ist, war nervös und lief in der Wohnung herum, unruhig, auch sie ängstlich, hilflos.
Einen Tag zuvor hatte ich diese Szene über die Ohnmacht einer Frau angesichts des Verlustes ihres Vaters geschrieben, jetzt konnte ich ihr nachfühlen. Wenn Literatur Wirklichkeit wird, die Wirklichkeit sich in die Literatur einmischt und beide verschiedene Ziele verfolgen. Genau darum geht es in dieser Erzählung…
Wenige Monate vor unserer Ausreise nach Brasilien löst ein solcher Vorfall vieles aus. Ohne dass ich sie fragte, sagte meine Mutter aber gestern zu mir: “Lass dich in deinen Plänen davon nicht beirren.” Aber ich plane nun einen Schritt weiter. Geld für eine im Notfall rasche Rückkehr in die Schweiz ist beiseite gelegt.
Dieser Mann, mit dem ich so viele Jahre lang gehadert habe, ist mir ins Herz gewachsen. Vorgestern, als unklar war, ob er die Nacht überleben wurde, ist mir klar geworden, wie gross das Stück gewesem w$re, das er mit seinem Tod aus meinem Herz herausgerissen hätte. 

am 03.08.2007

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