Tropft es noch Wundsaft aus dem mitleidenden Auge
1
Wenn wir Schmerz erleiden, beschleunigt sich unser Gehirn, unsere Gedanken machen Tempo, steigern sich hinein in diesen Geschwindigkeitsrausch manchmal bis zur Raserei. Schmerz ist eine körperliche Empfindung. Immer, möchte ich behaupten, selbst wenn wir selber es nicht sind, die die Schläge einstecken, die Prügel beziehen, an Nierensteinen leiden oder an einem faulen Zahn. Kein Schmerz ist so schlimm wie der Schmerz unserer Liebsten. Wir empfinden mit ihnen, körperlich. In wenigen Tagen ist wieder Ostern und viele Christen spüren es bereits wieder Jucken an den Handflächen, Blasen bilden sich an den Füssen, in der Seite zwickt es, aus den Haaren tropft ein bisschen Blut.
2
Einen Schmerz gibt es, den empfinden nur wir, die Liebsten: den Tod. Für den Kranken, für den mit dem hohen Fieber, kommt der Tod wie eine Erlösung. Er mag nicht mehr schwitzen, nicht mehr sich schütteln. Für den Passanten, für den mit den Einkaufsplänen, kommt die Kugel ganz plötzlich, er sieht sie nicht kommen, möglicherweise galt sie ja gar nicht ihm. Hört er den Knall, der die Kugel aus dem Lauf drückte, hat sie ihn bereits getroffen. Da liegt er nun, tot, und weiss von alledem nichts. Es tut nichts weh.
3
Man kennt sie, die Berichte über Nahtoderfahrungen – aber wem nützen sie? Ein Trost sind sie dem, der ins Leben zurückfand, und den Liebsten. Diesen aber nicht etwa, weil der Sterbende eine so seltsam leichte Erfahrung machte, nicht etwa, weil sie ihm den Anblick des rufenden Lichts in dieser so schweren Stunde gegönnt hätten – nein, sondern weil er dem Ruf des Lichtes widerstand. Nahtoderfahrungen sind toll, weil der, der sie machte, noch lebt.
4
Wäre ich am ersten Ostersonntag mit dabei gewesen, als Jesus sich den Frauen in Getsemane zeigte, ich hätte ihn gefragt, wie diese drei toten Tage denn gewesen waren. Keine der Anwesenden fragte ihn danach. Zu gross war der Schrecken, aus dem Verlustschmerz herausgerissen worden zu sein. Da tropft es noch Wundsaft aus dem mitleidenden Auge, und da steht er doch tatsächlich und lebt. Auch das Neue Testament insgesamt verliert kaum ein Wort darüber, aber es lässt uns Böses ahnen, ohne sich in Details verstricken zu wollen. Diese Lücke füllte die auf Petrus gebaute Kirche in unserer Imagination.
5
Wenige haben das Glück, einen Toten lebend zurückzubekommen. In Entre Morros starben 488 Menschen in jenem unsäglichen Jahr des vorletzten Jahrhunderts, nur zwölf überlebten, weil sie nie erkrankten. Von den zwölf mussten viele ihre ganze Familie verloren haben, mit einer Ausnahme vielleicht, ein Schweizer Auswanderer, der Trümperli Sepp, zu kurz im Land, um sich mit den einheimischen Frauen vertraut gemacht zu haben. Aber die Übrigen: Unerträglich muss ihnen das gewesen sein, einen nach dem anderen, Vater, Mutter, Brüder, Schwestern, Mann und Frau zu verlieren. Mitansehen zu müssen, wie den Kindchen in ihren Wiegen die Augen brachen.
6
Allein der Gedanke daran, ich könnte meine Tochter verlieren, gibt mir einen Stich ins Herz. Ich wechsle das Thema und denke über Verrat nach, wie dieser Tage schon häufiger, denke jetzt darüber nach, woher der Impuls kommt, den Verräter zu erstechen, eigenhändig, und denke, dass es vielleicht mit der Scham zu tun hat, die man erlitt und weiterhin empfindet, und denke, wie dumm der Gedanke ist, mit der Ausmerzung der Ursache auch die Wirkung ungeschehen zu machen, doch ich komme vom Thema ab.
7
Doch genau das ist der springende Punkt: Wenn der Schmerz zu gross wird, flüchten wir in den Kopf, eben dahin, wo wir rasend in unseren Gedanken unserem leidenden Körper entfliehen können.
8
Als Artur Peixoto, der junge Schriftsteller und Republikaner, sich auf seinem Spaziergang zwischen den Hügeln von Rio de Janeiro zwischen die Hügel nach Entre Morros verirrte, nach einem langen Irren zwischen verfallenen Herrschaftshäusern, Ställen und Sklavengattern, führte ihn sein Trott in einen breiten Boulevard. Gerade war es Abend geworden, in der Ferne verstummte der Lärm der Stadt, hinter den Hügeln verschwand die Sonne, ein Wind, kaum spürbar kam auf, da öffnete sich die Tür einer grossen Villa, eine Gestalt schritt durch den wilden Vorgarten und trat auf die Strasse hinaus. Es war, den Gewändern nach, eine Frau von zierlicher, fast unsichtbarer Gestalt und grossem, grossem Kopf.