So gut wie seine eigene Hosentasche (2)
Vielleicht wäre es besser, er wiche heute von seiner üblichen Route ab und suchte sich einen beleuchteten Umweg. Der Stromausfall ist sicherlich lokal begrenzt, ausgelöst durch einen Kurzschluss in einer der alten und seit Urzeiten nicht mehr renovierten Wohnungen. Vinícius blickt nach links, dann nach rechts: Auf seiner Strassenseite erstreckt sich die Lichterkette in beiden Richtungen in den Tumult des feierabendlichen Verkehrs hinein. Doch gegenüber verliert sich die Dunkelheit in der Ferne. Kein Licht, kein Lämpchen, kein Blitzen, nicht einmal ein Glimmen.
Vinícius kennt seinen Heimweg so gut wie seine eigene Hosentasche. Eigentlich könnte es ihm egal sein, ob die Lichter brennen oder nicht. Selbst im Schlaf wäre er in der Lage, den Schlaglöchern am Strassenrand auszuweichen. Er weiss, an welchen Stellen der Asphalt aufgerissen ist, wo eine geplatzte Wasserleitung den Belag unterspült hat. Zehn Minuten, ganze lächerliche zehn Minuten trennen ihn vom Depot, in dem er seinen rollenden Laden über Nacht einzustellen pflegt und über dem seine kleine Wohnung liegt. Aber dennoch zögert er.
Also steht er weiter an der Ampel und beobachtet den Verkehr, der an ihm vorbeizieht: blendend helle Scheinwerfer, die das Heck des voranfahrenden Autos beleuchten. Dunkle Scheiben, hinter denen sich der Schatten eines Kopfes erkennen lässt, manchmal auch das Aufglimmen einer Zigarette. Wie an einer unsichtbaren Schnur zieht es die Menschen in ihren Wagen nach Hause, eine nicht enden wollende, rollende Lichterkette. Erst jetzt fällt ihm auf, dass keines der Fahrzeuge aus dem Verkehr ausschert und in das dunkel daliegende Quartier abbiegt. Kein einziges Auto, das den Blinker setzt, und dann, als der Fahrer die Finsternis bemerkt, in die er im Begriff ist hineinzufahren, von seinem Vorhaben ablässt. Es ist, als ignorierte der gesamte Verkehr diesen in Dunkelheit getauchten Stadtteil, als existierte er überhaupt nicht. Und das, obwohl es an normalen Nächten da nur so von Leben brummt.