Sandra Dir. “Reise ins Wasser” (4)

Eliana war anders. Im Kindergarten und später in der Schule liess niemand – weder Lehrer noch Klassenkameraden – einen Zweifel daran aufkommen. Wenn Eliana sprach, war es, als streute sie heisse Asche auf das Haupt ihrer Zuhörer. Die Lehrer verboten ihr den Mund. Die Kameraden mieden ihre Nähe. Dazu gezwungen, tagsüber stumm zu bleiben, war sie so sehr damit beschäftigt, mit der sich in ihr anstauenden Hitze klar zu kommen, dass ihr kaum Kraft und Zeit blieb, sich um Freundschaften zu bemühen. Oder besser: um ein Verhalten, das Freundschaften überhaupt erst ermöglicht hätte. Elianas Ausgrenzung durch die Schulkameraden hatte Auswirkungen auch auf das soziale Leben der Eltern. Sie wurden nicht mehr zu Parties eingeladen, weil sie Elianas Eltern waren. Im Supermarkt grüssten Mütter die Mutter nicht mehr. Diese Frau war die Mutter jenes Mädchen, von dem ihre Kinder nachts träumten. Elianas Mutter war mit den Nerven am Ende. Der Vater verteidigte seine Tochter. Wenige Tage nach Elianas elftem Geburtstag zog ihre Mutter aus. Kurz darauf nahm Eliana Anpassungen an ihrer Garderobe vor, die ihre Mutter – wäre sie noch im Haus gewesen – nie zugelassen hätte. Eliana überredete ihren Vater, ihr feuerfeste Rennfahrerhandschuhe zu kaufen. Es sah zu komisch aus, wie sie in ihrem “Alice in Wonderland"-Kleidchen und den grell werbebestickten Handschuhen durch die Schulgänge lief. Zu komisch, als dass nicht der eine oder andere sich dazu hätte hinreissen lassen, sie zu fragen, was die Handschuhe sollten. Wer hören wollte, dem erklärte sie es geduldig. Leise, heiser, gepresst. Die Kinder liefen heim und erzählten mit angstgeweiteten Augen vom Schicksal des Kaninchens, das die Mutter ihrer Tochter zum Geburtstag geschenkt hatte und das in Flammen aufgegangen war, als das Geburtstagskind es hatte streicheln wollen. In Bret wurden Erinnerungen an seine Kindergartenzeit wach. “Wenn die Kinder in der Schule mich nicht leiden wollen, dann sollen sie wenigstens die Finger von mir lassen”, erklärte Eliana dem Vater ihr Verhalten nach einem Gespräch mit dem Schulpsychologen. 

am 15.05.2007

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