Sandra Dir. “Reise ins Wasser” (3)
Kinder, sagt man, begegnen dem Fremden mit mehr Toleranz als die Erwachsenen. Ein hinkendes Kind wird von Gleichaltrigen weniger gepiesackt als ein Buckliger von seinen Arbeitskollegen. Bret, der im Kindergarten neben Eliana sass, sagte einmal zu ihr: “Früher hätte man dich als Hexe auf dem Scheiterhaufen verbrannt.” Eliana war leicht auf die Palme zu bringen. Es reichte, dass die anderen Kinder sie wegen ihrem Sprachdefekt auslachten. Ihre gepresste, dampfende Art zu sprechen fanden die anderen Kinder komisch. Ausgerechnet mit ihrer Sprache, erfuhr sie so, schien etwas nicht zu stimmen. Ausgerechnet mit dem, worüber sie ihren Temperaturhaushalt regulierte und das demzufolge ihr Liebstes geworden war, weil es das Feuer, das sie von innen heraus zu verbrennen drohte, zu zügeln vermochte, stimmte etwas nicht. Als sie, die fröhliche Plaudertasche, das erste Mal begriff, worüber die Kinder lachten, verschlug es ihr die Sprache. Und unmittelbar darauf spürte sie, wie ihr die so verhasste Hitze in den Kopf stieg. Als sie wieder zu sich kam, fand sie sich auf den Boden geworfen unter einer Löschdecke. Den Eltern erzählte die entsetzte Kindergärtnerin, wie Eliana dem wehrlosen Bret ins Gesicht gegangen war und wie dieser jetzt im Spital wegen Verbrennungen behandelt wurde. “Sie hat nur ein bisschen feste zugeschlagen”, sagten sich die Eltern, nachdem sie Bret im Spital besucht und die leichte Rötung auf seiner Wange betrachtet hatten. Bret wurde noch am selben Tag entlassen. Am nächsten Morgen sagte er zu Eliana: “Früher hätte man dich als Hexe auf dem Scheiterhaufen verbrannt.” Eliana drohte ihm mit der Hand und Bret verstummte sofort. Hielt sie ihre Hand mit gespreizten Fingern vors rot umwallte Gesicht, sah es aus, als stünde ihre Hand in Flammen.
am 14.05.2007
Ein hinkendes Kind wird von Gleichaltrigen weniger gepiesackt als ein Buckliger von seinen Arbeitskollegen.
Das mein Lieber sind die Irrtümer der Nicht-Buckligen. Kinder untereinander sind die ungebremste Inquisition. Sie leben aus, was ihre Eltern nur denken oder sagen. Leider.
Turmsegler am 14.05.2007 um 10:15
Die von Dir zitierte Stelle wird vom weiteren Textverlauf ja Lügen gestraft. Du siehst das absolut richtig. Eliana wird von Bret fertiggemacht, weil sie etwas anders spricht als die übrigen Kinder. Und Bret spricht nicht zufällig vom Scheiterhaufen…
Markus am 14.05.2007 um 11:37
Ich bin jedenfalls gespannt auf den Fortgang dieser Marquéz’schen Geschichte.
Turmsegler am 14.05.2007 um 13:07
Kinder sind allerdings die am wenigsten zimperlich miteinander umgehenden Zeitgenossen und wenn man sich so ein bißchen wach zurückerinnert, wird man das auch selber nicht leugnen können. Deshalb ist die andersherum gemeinte Bemerkung falsch und da sie von einem allwissenden Erzähler kommt, eigenarig. Es ist dann egal, ob der allwissende Erzähler späterhin eines besseren belehrt wird. Die falsche Feststellung bleibt stärker in ERinnerung haften, als die richtigstellende Ausführung später.
GTaag
GTaag am 14.05.2007 um 21:31
Danke fürs Beharren. Wenn der Text da wirklich einen falschen Eindruck erzeugt, der nicht seinen Absichten entspricht, muss er korrigiert werden. Oder ganz gestrichen (der Text gewinnt möglicherweise dadurch sogar. Alles Überflüssige weglassen. Ich muss mir das immer wieder sagen.
Markus am 15.05.2007 um 03:50
Nun ist der Text ja auch - so lese ich ihn jedenfalls - ein noch nicht feingeschliffener Stein. Etwas straffen kann nicht schaden. Aber nicht zu viel, nicht zu lakonisch werden.
GTaag am 15.05.2007 um 21:27
Das ist ganz richtig. Hier stelle ich die erste Fassung ein. Das ganze wird dann überarbeitet - eine Arbeit, die ich nicht sehr liebe und die mir ebenso wenig liegt. Deshalb bin ich sehr dankbar für solche Kommentare. Sie sind gute Indikatoren, in welcher Richtung ich nach Schwachstellen im Text suchen muss.
Markus am 16.05.2007 um 02:51
Seite 1 von 1