Sandra Dir. “Reise ins Wasser” (2)

An jenem Tag, an dem Eliana ein Jahr alt wurde, überraschte sie ihre Mutter mit einem ersten vollständigen Satz: “Ich brenne ab”, sagte sie heiser. Die Mutter lachte. “Ja”, sagte sie, “die Kerzen auf deinem Geburtstagskuchen brennen ab.” “Nein”, widersprach Eliana, “ich brenne ab.” Die Mutter schüttelte den Kopf. “Kinder”, lachte sie. Seit das Kind vor wenigen Monaten das frühe Kunststück fertig gebracht hatte, erste Worte in einem noch zahnlosen Mund zu formulieren, war das Fieber gesunken. Und je besser sie sich auszudrücken lernte, umso weniger schrie sie. Je weniger sie schrie, umso mehr schwatzte sie. Der Vater machte wieder früher Feierabend, die Dinge änderten sich im Haus zum Besseren und eines Abends, als das Kind schon schlief und er den Fernseher ausschaltete, fand er seine Frau bereit im Bett. Sehr bald fiel dem Vater die Dringlichkeit auf, mit der die kleine Eliana sprach. Selbst als sie noch kaum Zusammenhängendes äussern konnte, schien ihm als stünde sie unter gewaltigem Druck. Die Worte kamen ihr gepresst über die Lippen, als entwiche Dampf über ein Sicherheitsventil. “Es ist, als koche das Kind innerlich”, sagte er zu seiner Frau. Es muss ihm zugute gehalten werden, dass er sich viel Zeit für seine Tochter nahm. Aufmerksam hörte er ihr zu, wenn sie mit ihrer heiseren Stimme ernst von den zumeist erschütternden Tagesereignissen erzählte. Meist völlig unbedeutende Episoden waren es, die Eliana ungebührlich dramatisierte. Wie sie vom Abstillen erzählte, zum Beispiel, das sie - von aussen betrachtet - völlig gelassen hinnahm und anstandslos dazu überging, sich von Apfel- und Kartoffelbrei zu ernähren. Aus ihrem Mund aber tönte es, als kochte sie vor Wut über den Entzug der Mutterbrust. Vielleicht lag es einfach nur an ihrer Stimme, an der Art, wie sie die Worte hervorstiess. Wer sie nicht kannte, hatte Angst vor ihr. Nach dem Frühstück brachte der Vater, bevor er selbst zur Arbeit ging, Eliana zu ihrer Tagesmutter. “Sei still”, sagte diese schon bald, weil ihr Elianas Stimme unheimlich war. War sie still, war es einfacher, sich einzureden, mit dem Kind sei alles in Ordnung. Am Abend hatte das Kind dann Fieber. Zum Wohl ihres Kindes gab die Mutter ihren Job auf und blieb mit Eliana zu Hause. Eliana erzählte ihr von einem Traum, den sie gehabt hatte. Nichts Schönes, so wie sie’s erzählte, doch das Kind lachte. Am zweiten Geburtstag, als Eliana einen Finger in die brennende Kerze hielt, bemerkten die Eltern, dass dem Kind in der Zwischenzeit ein dichter, feuerroter Schopf gewachsen war.

am 12.05.2007

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