Sandra Dir. “Reise ins Wasser” (1)

Für E.C.-K.

Als die kleine Eliana den ersten Atemzug tat, entflammte ihre Seele. Als der Sauerstoff nicht länger in gebundener und verdickter Form über die Nabelschnur zugeführt wurde, sondern im Sog sich blähender Lungenflügel frei und locker durch den noch unverbrauchten Hals strömte, schlugen Flammen aus der inneren Glut, die während der letzten neun Monate der Mutter heftige und andauernde Übelkeit bereitet hatte. Wie ein Lauffeuer leckten sich die Flammen von Organ zu Organ, von Glied zu Glied. Innerhalb kürzester Zeit brannte Baby Eliana lichterloh. 
Mädchen Eliana kam nahezu haarlos auf die Welt. Daran änderte sich lange nichts. Die Ärzte meinten, ihre Kahlköpfigkeit verdanke sich dem konstant hohen Fieber, an dem das Kind litt. Fiebersenkende Zäpfchen und kalte Wickel brachten dem Säugling keine Linderung. Offensichtlich litt das Baby unter starken Schmerzen, denn es schrie viel. Schrie es nicht, jammerte es. Schlief es, wimmerte es vor sich hin. Die süssen Kleidchen, die Eltern und Verwandtschaft für sie gekauft hatten, blieben im Schrank, nachdem man herausgefunden hatte, dass es dem Kind am besten ging, wenn man es nahezu nackt sein liess. Elianas andauerndes Geschrei belastete die Beziehung der Eltern. Wenn Paps müde von der Arbeit heimkam, traf er auf eine verstörte Mama und ein schreiendes Kind. Entnervt zögerte er den Feierabend hinaus. Wenn die Mutter aufmunternde Worte brauchte, schrie er sie an. Es wurde kalt im Haus. Eliana lebte auf. Da ihr Mann seiner Frau nur noch die kalte Schulter zeigte, suchte sie Wärme bei ihrem Kind. Sie wand ihren Bauch und ihre Arme um den winzigen Babyrücken, entspannte sich in der Hitze, die vom Kinderkörper auf sie übersprang, und schluchzte leise vor sich hin, bis sie einschlief. Dem Kind schien die kühle Haut der Mutter gut zu tun. Es wurde still. Wenn die Mutter erwachte, fand sie sich schweissüberströmt. Elianas Vater muss zugute gehalten werden, dass er seine junge Familie nicht verliess, auch wenn er sich immer seltener zu Hause blicken liess. Er nahm sich keine andere. Irgendwo, gut versteckt hinter harschen Worten, bösen Blicken und dringend benötigter Abwesenheit, empfand er Wärme für seine Tochter. Eliana spürte es. War er mal zu Hause, vertrug sie seine Nähe nicht.

am 11.05.2007

sehr schön. sehr düster. ob eliana wohl richtung pol ziehen wird? sehr schön finde ich, wie die emotionale temperatur eingebunden wird. eine der prägnantesten und düstersten stellen, die eliana beschreiben scheint mir: “Es wurde kalt im Haus. Eliana lebte auf.”

ky am 11.05.2007 um 09:19

danke. ich hoffe nur, dass ich die temperatur im text halten kann! es sollte noch ein bisschen heisser werden. :-)

Markus am 11.05.2007 um 09:40

irgendetwas im tonfall und inhalt bringt mir marquez in den sinn. ich bin sehr gespannt wohin es eliana verschlägt und was ihr bevorsteht. diese innere glut so wörtlich zu nehmen ist jedenfalls eine wunderbare idee!!!

ky am 11.05.2007 um 12:19

lobe den tag nicht vor dem abend, sagt man doch, oder? gleichwohl danke :-)

Markus am 11.05.2007 um 12:51

Momentan springt es mir zu sehr zwischen den Figuren, aber es kann sich ja noch zeigen, daß das durchaus Sinn hat.

GTaag am 12.05.2007 um 00:45

Es SOLL springen. Eliana ist sprunghaft. Und es sind ja nicht so viele Figuren, dass man da den Überblick verlöre, oder? ;-)

Markus am 12.05.2007 um 04:09

Na wenn es springen SOLL bin ich umso mehr auf die Fortsetzung gespannt.

GTaag am 12.05.2007 um 10:05
Seite 1 von 1

Name:

Email:

URL:

Ihr Kommentar:

Cookie?

Benachrichtigen?

Geben Sie die untenstehende Zeichenfolge ein: