Rio ist nicht nur schön
Rio ist nicht überall schön. Schön ist Rio an seinen Stränden, ist schön auf dem Zuckerhut und zu Füssen der Christusstatue auf dem Corcovado, und an manchen Orten ist Rio nur schön, wenn man sich die Nase zuhält. Hinter dem Quartier von Ipanema liegt eine grosse Lagune, um die sich die nobelsten Viertel Rios drängen und in die hinein sämtliche Anwohner ungefiltert ihre Abwässer leiten. Eine 7.5km lange Joggingbahn führt um die verbrackte und verdreckte Lagune herum, an windigen Tagen ist ein Spaziergang um den See auszuhalten. An stickigen, windstillen Tagen jedoch verschlägt es einem den Atem, atemberaubend auch ist der Blick auf die wunderschönen Felsen und Hügel, die sich in die Stadt hinein- und ans Meer schieben.

Der Zustand der Strassen wird, sobald man die nobelsten Quartiere hinter sich lässt, immer desolater, es ist gut beraten, wer den Luftdruck der Autopneus regelmässig überprüfen lässt. Die Schlaglöcher setzen den Wagen arg zu. Vor wenigen Wochen las ich in der Zeitung, die Stadt habe mehr als eine Milliarde flüssige Mittel für Investitionen zur Verfügung, letztes Jahr seien jedoch nur 33 Millionen in die Infrastruktur der Stadt investiert worden. Man versteht die Welt nicht. Rio könnte die schönste Stadt der Welt sein. Nicht nur am Strand, nicht nur von oben besehen.
Gestern kauften wir Kühlschrank und Waschmaschine für unsere Wohnung, die wir bis Ende Monat hoffentlich werden beziehen können. Wir hatten Glück und fanden beide Artikel im Sonderangebot. 1000 Franken für den Kühlschrank, 600 für die Waschmaschine. Für vieles sind die Preise hier in Brasilien vergleichbar mit jenen in der Schweiz. Krankenkasse (die hier nicht obligatorisch ist) kostet in etwa gleichviel, allerdings wird sie hier öfter in Anspruch genommen. Die Behandlung fürs Denguefieber und die anschliessende Lungenentzündung haben die bislang bezahlten Krankenkassenprämien jedoch bereits jetzt zu einem guten Geschäft gemacht. Die Versicherung fürs Auto kostet horrend viel. Allein die Diebstahlrisikoprämie verschlingt mehr als 1500 Franken im Jahr. Ab März, wenn wir nicht länger bei meinen Schwiegereltern leben werden, werden sich die Kosten für uns hier in Brasilien vervielfachen. Breitbandanschluss (in etwa doppelt so teuer wie in der Schweiz), Kabelfernsehen (wir überlegen uns ernsthaft, ein Leben ohne TV-Gerät zu versuchen), Garagenmiete für das unerlässliche Auto, etc etc. Billig ist in Brasilien nach wie vor das Fleisch. Auch die Weiterbildung meiner Frau an einer Privatuni kostet uns lediglich 120 Franken im Monat.
Wie jemand mit einem Mindestsalär von 250 Franken über die Runden kommt, ist mir ein Rätsel. Aber auch das: Wie jemand in der Lage sein kann, in diesem Land so viel zu verdienen, dass er für die Abzahlung seiner Luxuswohnung monatlich 20’000 Franken aufbringen kann (Reiche gibt es hier eine ganze Menge, man staunt). Um uns einen mittelständischen (unteres Spektrum) Lebenswandel zu ermöglichen, werden wir ca. 4000 Franken monatlich benötigen. Eine Zahl, die mir bisweilen schlaflose Nächte bereitet.
am 10.02.2008
Das ist immer wieder das wirklich erstaunliche, dass alles in den “Schwellenländern” so bizarr auseinanderläuft, was die Lebenshaltungskosten betrifft und dass manches derartig explodiert, dass man es nur teurer erwerben kann als in der nordwestlichen Welt. Du hast dir da ein hartes Brot vor die Nase gesetzt und es scheint, als wärst du gar nicht wirklich vorbereitet gewesen. Es ist aber nun so, dass man innerhalb eines Wahnsinns selbst wahnsinnig werden muss, um zu bestehen. Ha! - und ein TV ist nun wirklich das überflüssigste von der Welt. Wer braucht den heute noch so etwas?
haha - sei gegrüsst
p.-
perkampus am 10.02.2008 um 14:10
Du hast dir da ein hartes Brot vor die Nase gesetzt und es scheint, als wärst du gar nicht wirklich vorbereitet gewesen.
nun, wir haben finanzielle mittel für zwei jahre (und dies unter der voraussetzung, dass wir in der zeit GAR nichts verdienen - was ohne allzu optimistisch zu sein unwahrscheinlich ist). aber es ist - und da hast du recht - nicht so einfach, wie ichs mir vorgestellt hatte. ich will ja nicht irgendwo meine stunden absitzen müssen, sondern was eigenes auf die beine stellen. knochenarbeit, ja.
Markus am 10.02.2008 um 14:32
Andererseits ist es dir aber auch wieder auf den Leib geschneidert, so ein Wagnis in Angriff zu nehmen. Und ich verrate dir ein Geheimnis: Ich bin davon überzeugt, dass du deine Ideen durchsetzt und in die goldenen Gefilde gerätst. Es geht bei dir gar nicht anders, du hast die Balance zwischen Realitätsbewältigung und Phantasma - sprich wagender Imagination. Du lässt dich auf keine Seite festnageln - deshalb sehe ich in meinem Kaffeesatz eine Zukunft voller atlantischer Freuden.
perkampus am 10.02.2008 um 14:48
Dem kann ich nur zustimmen! :)
ksklein am 11.02.2008 um 07:15
es geht nicht anders, wie es ist, lieber markus, unterwasserdrachen lassen sich nur so finden, ohne ein lasso, ohne einen tv....(den wirst du bei einem wettberwerb sicher gewinnen)ich sende dir sonst einen, falls ich einen gewinne...werfe ihn dir über das grosse wasser, oder stecke ihn in eine flasche...TV geister sind flexiebel, man muss sie nur für sich trainieren...ich wünsch euch frohes einrichten. ja, kühlschränke sind was tolles!!!!auch wenns regnet...hast du schon einmal einen rio-regen in den kühlschrank gestellt? ja ja das leben ist eine entdeckung. schreibe einfach alles dir zu, dir entgegen,die molekühle müssen ja zuerst terain gewinnen. alles Farbige Dir und Euch
nachtigall
nachtigall am 11.02.2008 um 11:03
da ich in kürze auch umziehe, aber nur in eine andere stadt auf dem gleichen kontinent, musste ich mir auch eine neue wohnung suchen. als erstes gab es eine auseinandersetzung mit dem vermieter, der mir nicht glaubte, dass ich keinen fernseher habe. „aber den kabelanschluß müssen sie trotzdem bezahlen.“. „wie bitte?… ist nicht wirklich ihre aussage oder?… dann verblomben sie diesen anschluß, damit sie und die anderen mieter mir nicht künftig unterstellen, ich sei ein heimlichseher. ich zahle nicht 30,-- euro für’s kabelfernsehen und genauso viel noch als grundgebühr für fernseher und radio, dass sind 60,-- euro im monat, 600,-- euro in 10 monaten… nix da.“ „und was ist, wenn sie dann mal filme sehen wollen, für den dvd-player brauchen sie doch auch einen fernseher.“ „nee… ich guck’ am pc.“ „aber in ihrer musikanlage haben sie doch auch ein radio.“ „nein, das ding spielt nur cd’s ab… klein, aber sehr fein. sie können den ganzen antennenanschluß bei mir in der wohnung lahmlegen lassen, ich zahle nicht, wenn ich es nicht in anspruch nehme.“
hier in deutschland zahlen wir ja nicht nur die gebühren für den kabelanschluß, sondern auch noch grundgebühr an sich für die nutzung von fernseher und radio. aber das kann ein völlig marodes gerät sein, welches in irgendeiner besenkammer vor sich hinsteht, und kaputt ist. die grundgebühr bezahlt man schon nur für die zur verfügung stehenden möglichkeit der inanspruchnahme der geräte.
ohne fernseher kann man leben, sehr gut sogar.
ansonsten wünsche ich nur gutes… und gutes gelingen und vor allen dingen gute gesundheit.
svarupa am 11.02.2008 um 12:31
der fernseher ist das kleinste - wenn auch ein wichtiges - problem. denn wer hier keinen hat, hat an den grundpfeilern moderner brasilianischer kultur, den telenovelas, keinen anteil. man unterschätze die folgen davon nicht (man versteht, zb, in der bank beim schlangestehen nicht, wovon die zwei herren vor einem sprechen, versteht die witze des kellners im restaurant nicht, und der taxifahrer weiss nicht, worüber er sonst mit einem reden soll (denn über fussball geht ja auch nicht, so ohne fernsehgerät)).
ein wirkliches problem ist, wie man einen hausrat, der in der schweiz 80 quadratmeter plus estrich plus keller gut besetzt hatte, nun auf 70 unterbringen soll (ohne estrich, ohne keller). der container mit der ware kann jeden tag eintreffen und ich weiss nicht wohin damit. am liebsten wegwerfen, sage ich. geht nicht, sagt meine frau.
Markus am 11.02.2008 um 13:18
wir hatten das auch einmal. von 100 quadratmeter und 4 zimmern zu zweit zu weniger als 50 quadratmeter 2 zimmern und das auch noch zu dritt. :) das geht schon, wenn die grosseltern einen keller haben. ;)
ksklein am 11.02.2008 um 13:32
@ksklein:
uau, das ist ja ziemlich heftig… und beruhigend, dass es trotzdem geht. danke für die ermutigenden worte! :-)
Markus am 11.02.2008 um 13:39
am besten falten, markus, das ist am einfachsten, alles falten und in eine registerkartei ablegen, oder in ebey verkaufen, oder den kontainer auf eine kreuzfahrt schicken, ist glaune ich billiger wie an land aufstellen, oder du mietest einen parkplatz und vermietest die kontainerwände als litfasssäule oder litarturpodium, oder für den karneval? nun ja, so von ferne ist es einfach vorschläge zu machen, ich weiss. verstehe es einfach als unsere anteilnahme und wir sind immer da, wenn du uns brauchst...:-)
am 11.02.2008 um 13:41
Ich denke, dass Geheimnis besteht darin, sich eine weitere Dimension zuzulegen. Wir können uns ja höchstselbst in wissenschaftlichen Abhandlungen davon überzeugen, dass es Materie an sich nicht gibt. Nun, wenn dem so ist, dann ignorieren wir das, was an dem, was wir als Materie wollen, zuviel ist und schieben das andere einfach eine kosmische Tür weiter hinter die Zeit sozusagen. das hieße dann, dass alles, was wir nicht brauchen in ein GESTERN stecken, als da noch nichts war. Und was wir brauchen, stellen wir ins HEUTE - somit ist alles geregelt.
perkampus am 11.02.2008 um 13:43
@nachtigall: falten, ja. kisten gibt es massenweise, die wir werden falten können. leider muss man den inhalt vorher herausnehmen… ;-)
@perkampus: es gibt eine wunderbare dimensionsmaschine, die vortrefflichste erfindung seit der nutzbarmachung des feuers: die kehrrichtverbrennungsanlage!
aber lassen wir das. ich werde einfach etwas nervös mit der aussicht auf soviel zeugs um mich herum.
Markus am 11.02.2008 um 13:50
ja… nervös werden, mit der aussicht auf soviel zeugs um sich herum. das kann ich nachvollziehen. ich verkleinere mich jetzt von 128 auf 60 quadratmeter - da ich nicht ganz so viel zeugs habe, weil ich fläche liebe, geht auch das. trotzdem muss das eine oder andere “weg”. es tut gut, so ein grundreinemachen… viele menschen stellen sich im laufe der jahre die wohnung zu, und bemerken es nicht. meine großmutter sagte immer: “drei mal umziehen ist wie einmal abgebrannt.”
sie wissen doch, wenn man in der geographie erst einmal zu hause ist… es braucht zeit. :-)
svarupa am 11.02.2008 um 14:57
wenn man in der geographie erst einmal zu hause ist
diesen aspekt habe ich am meisten unterschätzt und es ist wohl auch der hauptsächlichste, aus dem man mir einen strick drehen könnte: dass ich mir bei diesem unternehmen nicht bewusst war, wie sehr die schweizer geographie mein zuhause geworden war. und wie weit die strecke ist, die ich in den siebzehn jahren fern der heimat zurückgelegt habe. es liegt nicht nur ein ozean zwischen europa und südamerika. der brasilianer atmet in einem anderen rhythmus als der schweizer, er atmet in andere lungen hinein, ich merke das jeden tag.
Markus am 11.02.2008 um 17:52
Seite 1 von 1