“Rádio Bancoc” - das Vorspiel (5)

Wollen Sie den Brasilianer von der Strasse ins Wohnzimmer locken, geben Sie ihm Liebe. Die Darstellerinnen von „Rádio Bancoc“ schminkten Lolamungos Gesicht mit ihren Küssen, der es ihnen mit einer Deftigkeit danke, die in nichts der Heftigkeit nachstand, mit der er sich am Mikrofon hinter die Militärs gestellt hatte. „Rádio Bancoc“ vollzog den Wechsel von der Politsatire zum Schwank mit Bravour: so gerne der Brasilianer sich in der Kritik an der eigenen Regierung übt, noch lieber lacht er über seinesgleichen. Einzig Marcelo Gado, Lolamungos artistische Verkörperung, war mit den Wandlungen, denen seine Figur unterzogen worden war, nicht glücklich. Vom Zentrum der Telenovela zu einem blossen Mitdarsteller unter vielen degradiert (Affären rücken ganz automatisch auch andere ins Scheinwerferlicht, denn nie bleiben Gehörnte und Betrogene von ihr unberührt), entwendete Gado, der Viehtreiber, eines Nachts nach Drehschluss den verlotterten VW-Bus samt Sendeequipment aus dem Requisitendepot der Fernsehanstalt, fuhr mit ihm auf einen Hügel hoch über Rio und setzte sich vors Mikrofon. Die Macher von „Rádio Bancoc“, zunächst wenig erfreut über das Eigenleben, das einer ihrer Darsteller zu führen beschlossen hatte, beruhigten sich jedoch und förderten den Piratensender sogar, als ein Anthropologe und Soziologe über die enorme Bedeutung dieser Telenovela in den Abendnachrichten sprach: „Rádio Bancoc“ war nun nicht länger (wie viele Telenovelas vor dieser auch) bloss Inspiration für Vaterlandsliebe und Liebesverrat – „Rádio Bancoc“ hatte mit Marcelo Gados Sendungen auf illegalen Frequenzen nun definitiv den Sprung vom Bildschirm ins wahre Leben geschafft. Oder, anders ausgedrückt: Das Leben war eine Telenovela geworden. Das Ende von „Rádio Bancoc“ kam, als ich Gados verlotterten VW-Bus auf einem Parkplatz auf einem Hügel hoch über Rio entdeckte und ihn dem Schauspieler abkaufte.

am 14.12.2007

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