“Rádio Bancoc” - das Vorspiel (4)
Wie jeder guten Telenovela fehlte es auch „Rádio Bancoc“ nicht an Anspielungen auf aktuelles Geschehen. Zwar hielt sich der Plot streng an historische Gegebenheiten und geisselte denn auch nur, was das Militärregime sich tatsächlich hatte zuschulden kommen lassen, doch es war schon merkwürdig, wie gewisse Züge des Militärs sich in der pompösen Gestik und theatralischen Mimik aktueller Politiker wieder erkennen liessen. G. K. Chestertons Werke wurden neu aufgelegt, Father Browns Kriminalfälle hielten sich über Monate zuoberst auf den Bestsellerlisten, die Lehrer waren begeistert (Schüler wie Eltern lasen wieder), und die katholische Kirche – sonst eher harsche Kritikerin der in den Telenovelas ausgiebig dargestellten Promiskuität – freute sich über einen markanten Rückgang in den Austrittszahlen ihrer Mitglieder. In ihrer Euphorie versuchten die Kirchenoberen den Prozess sogar umzukehren und neue Mitglieder von den boomenden Freikirchen abzuwerben, indem sie ihre Priester in Wesen und Postur Father Browns ausbilden liessen. Sonntags also strömte das Volk in die Kirche, unter der Woche versammelte es sich kurz vor neun Uhr abends vor dem Fernseher, um am nächsten Morgen die von Marcelo Lolamongo hochgepreisten Machenschaften der Politiker auf der Strasse anzuprangern. Die Innenstädte füllten sich mit wütenden Menschen, der Verkehr kam zum Stillstand, das Militär – in einer beängstigend realistischen Nachinszenierung einer Szene aus der Telenovela – marschierte auf, um den Volksaufstand niederzuschlagen. Dies war der Punkt, an dem man in der Redaktion der für „Rádio Bancoc“ verantwortlichen Anstalt beschloss, das Geschehen innerhalb der Telenovela vom Politischen weg und ins Persönliche zu verlegen. „Womit schreibt der weise Mann seine Kritik?“ fragte der Autor der Novela. Und der Ethikrat des Senders antwortete: „Mit dem Lippenstift seiner Geliebten.“