“Rádio Bancoc” - das Vorspiel (1)
Unmöglich, eine neue Telenovela zu beginnen, ohne von ihrem Vorgänger zu berichten, ohne von den Einflüssen zu erzählen, die „Rádio Bancoc“ auf das wirtschaftliche, politische und emotionale Leben dieses verrückten Landes während acht Monaten ausübte. Eigentlich müsste ich auch von den übrigen Telenovelas schreiben, die in diesem selben Jahr zu früheren Sendezeiten ausgestrahlt wurden, denn das Empfinden der brasilianischen Seele erklärt sich nur durch die Gesamtheit (es sind – beschränkt man sich auf die grössten und einflussreichsten Fernsehanstalten – ein gutes Dutzend, das allabendlich den Weg in die Wohnzimmer und Bars des Landes finden) der aufwendig produzierten Dramen und Tragödien. So unterschiedlich die Geschichten auch sein mögen, die von fünf Uhr nachmittags bis weit nach neun Uhr nachts über den Äther gehen – erst zusammen genommen erzeugen sie jenes Mischmasch, das von den Touristen in völliger Unkenntnis unserer Kultur als Ausgelassenheit und Lebensfreude bezeichnet wird, in Tat und Wahrheit aber nichts anderes ist als das Resultat einer tiefen und irreversiblen Kapitulation vor den grossen Fragen des Lebens. Wenn der Brasilianer vor dem Bildschirm sitzt, fragt er nicht nach dem Sinn des Lebens, es interessiert ihn nicht, woher das Leiden kommt und weshalb es existiert. Es interessiert ihn lediglich der Schmerz, die Freude, die Liebe der Protagonisten, in denen er sich nicht selten wieder erkennt. So ist für ihn auch Gott lediglich ein weiterer Figurant seiner vielen Geschichten, der sich vorzüglich eignet, ihn zum Lachen zu bringen.
Manchmal aber geschieht es, dass eine Telenovela alle anderen überstrahlt und deren Einfluss auf das öffentliche und private Leben des Brasilianers annulliert. Von April bis Dezember sprach man in Brasilien über keine andere Telenovela als „Rádio Bancoc“. Genauer gesagt, man sprach nur über „Rádio Bancoc“. „Rádio Bancoc“ war Thema in parlamentarischen Ausschüssen, Motor einer brummenden Wirtschaft, Inspiration für Intrigen und Anlass für manche Affäre.
Ich nehme dies dankbar zur Kenntnis, denn „Rádio Bancocs“ Erfolg enthebt mich der Pflicht, Ihnen von den übrigen Telenovelas, die während diesen Monaten ebenfalls liefen, zu erzählen. Selbst wenn ich müsste – ich könnte es, wie alle Brasilianer, nicht. Es gibt keine andere Erinnerung an jene Monate als „Rádio Bancoc“ – die melodramatische Telenovela um einen Piratensender in Rio de Janeiro.