Prägende Erde. Bio (3)
Nach der neunmonatigen Sprachschule zogen meine Eltern in das Städtchen Caracol, tief im Innern des brasilianischen Nordostens gelegen, wo sie unter sehr einfachen Verhältnissen lebten und arbeiteten. 1967 schliesslich kam meine ältere Schwester in Brasilien gesund zur Welt, im Sommer 1968 kehrte die Familie für einen Heimat- und Arbeitsaufenthalt in die Schweiz zurück. Einige Monate später wurde ich in Schaffhausen geboren, zehn Wochen später ging’s zurück über den Atlantik nach Caracol.
Die Erinnerungen an die ersten Jahre meines Lebens sind geprägt von Bildern einer sehr trockenen Erde, dürren, dornigen Sträuchern, wolkenlosem Himmel.
Es hat nachweislich auch andere Zeiten gegeben, Perioden heftigen Regens, während denen das Land aufblühte, die Bohnenfelder reiche Früchte trugen und die Strassen kaum mehr passierbar waren.
Doch davon, von wolkenschweren Himmeln und Sturzbächen, sind mir nur die Fotos meines Vaters geblieben. Woran ich mich erinnere, sind fröhliche, unbesorgte, regenfreie Jahre. Es mag damit zusammenhängen, dass die erste wirkliche und schmerzhafte Zäsur in meinem Leben mit dem Umzug in das Amazonasgebiet stattfand, wo der Himmel in meiner Erinnerung immer tief und dunkel wolkenverhangen war. Ich sehe mich heute noch im Bett im Schlafsaal der Buben wachliegen, während draussen die Kröten das aufziehende Gewitter ankündigten.
am 01.02.2008
Diese ruhige, suchende Arbeit berührt mich sich sehr. Allerbeste Grüße über den Atlantik. A. - ps. Wie lange Zeit wären noch vor wenigen Jahrzehnten diese knappen Zeilen zu Dir unterwegs gewesen.
louis am 01.02.2008 um 09:50
Herzlichen Dank für die aufmunternden Zeilen, Andreas.
Es ist eine merkwürdige Sache mit den Erinnerungen: Sie zerrinnen einem zwischen den Fingern, wenn man sie zu halten versucht, und geben nach, wenn man an ihnen herumdrückt, und doch bestimmen sie das Bild, das wir uns von uns machen. Das Wühlen in den Erinnerungen ist ja die Suche nach mir selbst. Eine weitere grosse Frage, der ich nachgehe, ist, inwiefern der geografische Lebensort die Erinnerungen beeinflusst. Ich habe feststellen müssen, dass, seit ich wieder in Brasilien bin, die Perspektive auf mein bisheriges Leben sich markant verschoben hat. Vielleicht hängt das mit den veränderten Lebensumständen zusammen, die, um sie zu bewältigen, ein anderes Ich erfordern… Hm.
Markus am 01.02.2008 um 10:08
... ich glaube, lieber Markus, Dein ICH ist immer dasselbe. ;-) Weil aber unsere menschlichen Gehirne erstaunliche Wesen sind, erzählen sie, ohne je eine Pause einzulegen, Variationen der immer gleichen linearen Geschichte. - Nicht aufmunternd! - Anerkennend!
louis am 01.02.2008 um 10:43
ich glaube, lieber Markus, Dein ICH ist immer dasselbe.
ok. lass es mich anders ausdrücken: bestimmte lebensumstände erfordern die hervorhebung bestimmter eigenschaften dieses ICHs. was das erleben von bislang unbekannten und überraschenden ICH-aspekten zur folge hat. ok so? :-)
Nicht aufmunternd! - Anerkennend!
ersteres ist folge des zweiten!
Markus am 01.02.2008 um 10:52
:-)
louis am 01.02.2008 um 10:59
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