Nur meine Hand

1
Schönheit ändert ihre Gestalt jedes Mal, wenn wir uns aufs Neue verlieben. Schön war Daria, die dunkle Tessinerin, bis Lea sich in einem Proseminar neben mich setzte. Für jemanden, der den grössten Teil seiner Zeit allein mit seinen eloquenten Gedanken verbringt, ist Nähe ein betörendes Ereignis. Lea berührte mich nicht. Sehr stilvoll sagte sie mir Hallo. In Gedanken rückte ich ihren Stuhl näher an mich heran.

2
Was ich mir nicht alles ausmalte. Leas Haut, die in der Erinnerung ja immer etwas verblasst, Leas Stiefel, die sich sehr vorteilhaft auf ihre Körperhaltung auswirkten, Leas leise Stimme, die durch den Raum trug. Sie war immer nah. Liebe, und mit ihr die Schönheit, die mit ihr kommt, bewirkt, dass Gedanken sich neu gruppieren, neu anordnen, neue Prioritäten setzen. Die Welt, in der man lebt, wird auf den Kopf gestellt. Man ist verwirrt. Dies ist auch der Grund, weshalb es mehr braucht als nur Gedanken, um eine Liebe zu erobern.

3
Ich schwärmte laut von Lea. Die Theologische Fakultät ist klein. Einmal in der Woche assen die Theologiestudenten gemeinsam zu Mittag, abwechselnd kochten wir füreinander, setzten uns an einen langen Tisch. Lea setzte sich mir gegenüber, ass. Ich, um mir meine Verlegenheit nicht anmerken zu lassen, plauderte mit Simone. In einem dieser Momente, wo es plötzlich still wird und die Gespräche gemeinsam innehalten, legte Lea ihr Besteck beiseite und sagte: „Ich habe gehört, du seist verliebt in mich.“ Während mir das Blut in den Kopf schoss, schob sie langsam ihre Hand über den Tisch zu mir herüber. Lea hatte mit mir gesprochen und verzweifelt rang ich nach Worten, damit das Gespräch weitergehen mochte.

4
Wenig später, als Lea das Theologiestudium abbrach und zu den Psychologen wechselte, meinte Willi zu mir: Es hätte keine Worte gebraucht, du Idiot. Nur deine Hand.

5
Deshalb legte mir Orszula bisweilen einen Finger auf meinen Mund, hiess mich schweigen und legte meine Hand auf ihren Bauch. In der Vorstellung allein wird man ganz verrückt, wenn man sich die Möglichkeiten vorstellt, die sich einer so platzierten Hand eröffnen. Orszula aber war erfahren genug, um sich nicht meiner Vorstellung zu überlassen. Meine Hand auf ihrem festen Bauch wusste, wohin sie muss.

am 22.03.2008

das ist packend!!

am 22.03.2008 um 11:22

dafür sind hände ja da. :-)

Markus am 22.03.2008 um 11:45
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