Nicht meinem Selbstbild

1
Als Orszula wieder zuckend auf dem Boden lag, in der zur Faust geballten Hand, den Blumenstrauss, den ich von Patricia erhalten hatte, spielte ich mit dem Gedanken, Beschwörungsformeln über ihr zu sprechen, nur um den Dämon sprechen zu hören, der von ihrem Körper Besitz ergriffen hatte. Vielleicht auch um ihren Verdacht zu widerlegen. Was mich letztlich aber davon abhielt, war nicht der Respekt vor der Anderswelt, nicht die Ehrfurcht vor dem Namen Gottes, den ich als Ungläubiger und somit mit für mich unabsehbaren Folgen in den Mund nähme.

2
Ich reichte Ferien ein und kaufte mir ein Ticket. Der Anflug auf Phoenix, Arizona, war gespenstisch. Der Himmel blau, die Luft rein, unter mir sah ich Phoenix, Sun City, Youngtown, Scottsdale, die White Tank Mountains im Westen, im Norden hinauf bis nach Flagstaff. Es ging ein harter Wind aus Nordosten, der Pilot hielt das Flugzeug in einem weiten Winkel, ich sah die Landebahn aus meinem Fenster.

3
Während ich am Förderband der Gepäckabgabe stand, trat eine elegant gekleidete Dame zu mir. „Ich bin 72“, sagte sie mit einem freundlichen Lächeln, „kein Grund also, sich vor mich zu fürchten.“ Etwas konsterniert lächelte ich zurück. Sie heisse Diana, erzählte sie weiter, und sei Balletttänzerin gewesen. Ah. „Weisst du“, fuhr sie fort, „sie schicken deiner Seele Postkarten. Immer und immer wieder. Aber wenn du sie nicht liest, legen sie dir irgendwann eine Paketbombe in deinen Briefkasten.“ „Sie?“ „Deine Freunde.“

4
Zwei Wochen lang fuhr im mit einem Mietwagen alleine durch die Wüsten von Arizona, New Mexico, Colorado und Utah. Bei Sonnenaufgang setzte ich mich in meinen Wagen, gegen zehn frühstückte ich, fuhr weiter durch endlose Dürre, dachte dabei unentwegt an die Schulden, die sich auf meiner Kreditkarte akkumulierten. Gegen Abend hielt ich nach einem Motel Ausschau, billig sollte es sein, weit und breit aber nur ein einziges. Langgezogene, einstöckige Gebäude, in geschwungenen Reihen, dazwischen grosszügige Parkplätze. Ich war, glaube ich, der einzige Gast, die Nacht kostete 80 Dollar. Bevor ich zu Bett ging, besuchte ich die nahegelegene Höhle und das Dinosaurier-Museum gleich nebenan, ein schreckliches Ungetüm im Nirgendwo, mit übergrossen, dilettantisch bemalten Skeletten aus Kunststoff.

5
Wach liege ich im Bett. Kämpfe gegen die Müdigkeit an. Irgendwann fallen mir die Augen zu und es wird dunkel in meinem Geist. Schreckliche Alpträume lassen mich mehrmals in der Nacht den Fernseher anschalten, kein Gedanke mehr an Orszula, ab und an denke ich an Patricia, die von furchtbaren Depressionen geplagt den Telefonhörer nicht abnimmt. Taumle zurück in einen unruhigen Schlaf, in dem ich von furchterregenden Gestalten vor den Spiegel gezerrt werde und dort einen Menschen sehe, der nicht meinem Selbstbild entspricht.

6
Zwei Wochen lang wiederholten sich die Tage, wiederholten sich die Nächte. Meine Kreditkarte tat widerstandslos mit. Ich rechnete und rechnete. Die Rechnung, die mich Ende Monat in der Schweiz erwarten würde, wuchs ins Monströse.

7
Ich beschloss, die Reise abzubrechen. Zu spät, sagten mir die gesammelten Kartenbelege in der Brieftasche. Ich befand mich nordwestlich von Flagstaff, es war Nachmittag, ich fuhr durch das Navajo-Reservat. Es begann zu schneien. Der Mietwagen, mit Sommerreifen ausgestattet, schlitterte an umgestürzten Jeeps vorbei, wie aus dem Nichts tauchten Indianer aus der verschneiten Wüste auf und halfen den Verunglückten aus den Wracks. In den Süden, dachte ich, im Süden ist es wärmer. Der Schneefall wurde geringer, die Strassen trockneten. Kurz vor Flagstaff fiel wieder Schnee. Immer wieder trat ich auf die Bremse, die Reifen hielten. Dann, schon in der Stadt, eine rote Ampel, davor ein paar Autos. Ich ging vom Gas auf die Bremse, die Reifen blockierten und mit unverminderter Geschwindigkeit rutschte ich auf die Kreuzung zu, irgendwie gelang es mir, den Wagen an der stehenden Kolonne vorbeizulenken, mitten auf die Kreuzung hinaus. Ich wartete auf den Knall, doch da war rechts von mir schon eine Tankstelle, mit rasendem Herzklopfen manövrierte ich den Wagen an die Zapfsäulen und fragte nach einem nahen Motel.

8
Das Foyer war dunkel, muffig. Widerstandslos zuckte ich die Kreditkarte, als mir die freundliche Dame am Empfang den Preis nannte. Er interessierte mich nicht.

am 24.03.2008

Name:

Email:

URL:

Ihr Kommentar:

Cookie?

Benachrichtigen?

Geben Sie die untenstehende Zeichenfolge ein: