Mister Woo’s: Zusammenhänge (4)

Böse Träume plagten mich in der Nacht. Ich hatte meine Zähne geputzt und war früh zu Bett gegangen. Im Schlaf besuchte mich der Tod. Salome sagte: „Lüfte meine sieben Schleier.“
Ich suche Trost in der Literatur, lese Detektivromane, um Mut zu schöpfen für meine Aufgabe. Doch zwischen all den Büchern, die Vater mir aus der Bibliothek herbeischleppte, befindet sich nur eines, H. Bustos Domecq’s “Sechs Aufgaben für Don Isidro Parodi”, in welchem einer, gefangen in einem Raum wie ich, Todesfälle aufzuklären vermag. Doch wer bin ich, um mich mit Bustos Domecq zu vergleichen? Ich bin einer, er war zwei.
So muss ich denn mit dem arbeiten, was mir zur Verfügung steht. Das sind:
- meine Erinnerungen
- meine Trauer
- mein Wissen
- und mein aus der Verzweiflung geborene Glaube, dass dieses wenige zusammenhängt.

Vor mir liegt der soeben erschienene Wälzer “Neuere Geschichte des Todes”, gemäss welchem sich erste Verschiebungen der Todesgewohnheiten hin ins Freie erstmals vor 50 Jahren feststellen liessen (Kriegsopfer wurden für diese Untersuchung nicht berücksichtigt). Die erste Familie, der dies widerfuhr, war die unsere. Das Buch beschreibt, wie ein Sturm und die Sorge um sein Vieh meinen Urgrossvater ins Freie trieben. Vor sieben Jahren dann starb ein Mensch in Nepal den letzten Tod in einem geschlossenen Raum. Seither sterben Menschen nur noch unter freiem Himmel. Ausnahmen sind nicht bekannt. Nicht eine! Das Werk geht jeder nur erdenklichen Erklärung für dieses Phänomen nach. Es versucht vergeblich, eine Verbindung zwischen der Zunahme von Todesfällen im Freien und einer gleichzeitigen Abnahme in der Zahl von Hausgeburten herzustellen. Es bezichtigt auf eindrückliche Weise jene der Lüge, die in diesem Phänomen eine Zunahme der Obdachlosigkeit erkennen und das Thema politisch ausschlachten wollen. Es unterzieht die Todesarten einer gründlichen Analyse und kommt zum Schluss, dass der Tod nicht nur eine Vorliebe fürs Freie sondern zunehmend auch für Gewalttätiges entwickelte – sehr viele Menschen stürben an den Folgen eines Überfalls, eines Unfalls oder von Polizeigewalt. Die übrigen würden Opfer von Naturgewalten.
Kurz: Ich finde in dem Buch keine Erklärung dafür, weshalb meine Grossmutter noch lebt. Ich erfahre lediglich, dass der Tod meines Bruders unter freiem Himmel nicht aus dem Rahmen fällt. Und dennoch habe ich ein flaues Gefühl im Bauch. 

am 27.05.2007

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