Mister Woo’s: Trauerarbeit (1)

Wenn ein Familienmitglied stirbt, wird eine Person, die ihm sehr nahe stand, mit der Untersuchung seines Todes beauftragt. Es ist dabei völlig irrelevant, wie klar die Umstände sein mögen, unter denen der Tod eintraf (Chang, zum Beispiel, starb im Freien), oder wie die Behörden mit dem Todesfall verfahren („eine bedauerliche Verkettung unglücklicher Zufälle“ – wieder einmal). Über die letzten Jahrzehnte hinweg entwickelte unsere Familie hierfür eine ausgeklügelte Vorgehensweise. Jeder Schritt wird protokolliert und der Schlussbericht auf seine Regelkonformität hin vom Familienrat geprüft und erst gebilligt, wenn sämtliche formellen Ungenauigkeiten beseitigt sind. Durch die methodische Aufarbeitung des Todes unseres Familienmitglieds versuchen wir, Frieden im Unabänderlichen zu finden. Es ist lange her, dass jemand in Frieden sterben durfte.
Bis der Schlussbericht vorliegt, ist es dem mit der Untersuchung Beauftragten nicht gestattet, sein Zimmer zu verlassen. Es soll verhindert werden, dass ihn das Schicksal zur Unzeit ereilt.
Chang und ich standen uns sehr nahe. Wir liehen einander unsere Zahnbürsten und gingen Abend für Abend gemeinsam in den Tod.
Erschwert wird meine Arbeit durch Grossmutters anhaltendes Gezeter, das im ganzen Haus zu hören ist. Immer wieder unternimmt mein Vater einen Versuch, sie ins Freie zu locken. Grossmutter ist alt geworden.

am 23.05.2007

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