Mister Woo’s: Statistiken (2)

Vor mir liegt der Obduktionsbericht, verfasst von der zuständigen russischen Behörde (Chang starb in der Nähe einer russischen Forschungsstation im Polareis). Dem Bericht sind Fotos beigefügt, die Fundort und Leiche zeigen. Ich habe es noch nicht übers Herz gebracht, mir die Fotos anzusehen. Immer wieder versuche ich mir einzureden, dass die Fotos nicht meinen Bruder zeigen. Die Leiche ist nur vereiste Hülle. Doch was sah ich von ihm, als er noch lebte? Eine Hülle, die sich bewegte und die mit mir auf Krötenjagd ging. Dem Obduktionsbericht beigelegt sind Changs Reisepass und Portemonnaie. In letzterem finde ich nebst einem Bild, das Chang und mich mit einem Ochsenfrosch auf den Armen vor der Golden Gate Bridge in San Francisco zeigt, ein zusammengefaltetes Blatt. Darauf sind in der eleganten Handschrift meines Bruders die Städte Sydney, Seattle, São Paulo und Singapur vermerkt. In dieser Reihenfolge. Daneben die Zahlen 426, 265, 1389 und 557. Dass wir in São Paulo mehr Kröten fingen als anderswo, lag nicht etwa an einer höheren Tierdichte, sondern an der ungewöhnlichen Länge jener brasilianischen Nacht. 
Der Obduktionsbericht ist in Russisch abgefasst.
Charles, ein Übersetzer der britischen Botschaft, sitzt an meinem Schreibtisch und blättert darin.
„Changs Tod kam nicht unerwartet“, sagt er jetzt. „Auch in Russland ereignen sich 99% der Todesfälle im Freien.“
„Was ist mit dem letzten Prozent?“ frage ich.
„Im Gegensatz zu uns haben die russischen Statistiker die Hoffnung noch nicht aufgegeben.“
Er blättert weiter, ein Foto fällt zu Boden. Er hebt es auf und sein Blick bleibt daran hängen. Während er es neugierig betrachtet, fragt er: „Wie willst du jetzt vorgehen?“
„Zunächst benötige ich eine komplette und genaue Übersetzung des Obduktionsberichts.“
„In wenigen Tagen hast du sie.“ Charles nimmt ein anderes Foto zur Hand, dann noch eins.
„Dann gilt es in einem ersten Schritt, Indizien zu sammeln, die für die offizielle Version sprechen“, antworte ich.
„Erhoffe dir nicht zuviel von diesem Bericht“, warnt Charles. „Die Lage scheint mir ziemlich klar zu sein. Chang hielt sich im Freien auf. Ausserdem ist es im näheren Umkreis des Nordpols – soweit mir bekannt ist – eisig kalt.“
„Das wird mir meine Arbeit erleichtern“, sage ich mit einem traurigen Lächeln.
Charles will gerade die Fotos zurück in den Umschlag geben, als er stutzt und nochmals genauer hinschaut.
„Du solltest dir dieses Foto ansehen“, meint Charles nachdenklich.
„Wozu?“ frage ich voller Widerwillen.
„Die Zahnbürste, die man in Changs Mund fand – sie gehörte Salome.“

[Mister Woo’s “The Art of Dying in a Room"]

am 24.05.2007

Du machst so gut weiter, wie Du begonnen hast!

„Changs Tod kam nicht unerwartet“, sagt er jetzt. „Auch in Russland ereignen sich 99% der Todesfälle im Freien.“

Das ist mir unklar geblieben. 99% welcher Todesfälle? Unerwartet für wen? Das gibt einen unnötigen Stutzer. Vielleicht kannst Du das präziser machen, damit man nicht hängenbleibt…

Benjamin Stein am 25.05.2007 um 10:50

Siehst du, da haben wir das Problem, das Du (war’s letzte Woche oder die davor?) in einem Deiner Kommentare im Turmsegler angesprochen hast: Dass Du viel lieber eine Erzählung am Stück läsest. Denn das, was Du hier als “Stutzer” empfindest ist ein Kernelement der Erzählung, das erst später aufgelöst wird. Hättest Du die ganze Erzählung vor Dir, könntest Du einfach weiterlesen, mit der Frage im Hinterkopf, und in 15 Minuten hättest Du die Antwort…
Aber ich schau mal, ob Dein Stutzen nicht auch mit einer unklaren Formulierung zu tun hat. Vielleicht lässt sich das anders ausdrücken, ohne dass zuviel verraten würde.

(Mach ich aber später, weil ich gerade tief, tief im anderen Blau stecke. Je länger ich mich damit beschäftige, umso mehr gibt es mir zu denken.)

Markus am 25.05.2007 um 11:17

Ich habe die 99%-Passage gestrichen. Dumme Spielerei. Es geht auch ohne.

Markus am 26.05.2007 um 04:27
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