Mister Woo’s: Die Zahnbürste und der Tod (0)

„Putz dir die Zähne, bevor du stirbst“, sagte unsere Grossmutter, wenn wir unsere Köpfe in ihr Zimmer steckten, um ihr eine gute Nacht zu wünschen. Es war jeden Abend dasselbe.
Es war schrecklich von unserer Grossmutter, so etwas zu sagen. Aber wir waren noch Kinder und verstanden die Zusammenhänge nichtAber wir waren noch Kinder und verstanden es nicht, auch nicht als Orakel. Wir verstanden nur die Worte, Grossmutter redete vom Sterben und irgendeinen Zusammenhang schien es zwischen Tod und Zähneputzen zu geben. Aber wir verstanden nicht, welchen – wir hätten sonst kein Auge zugetan. Natürlich machten wir uns Gedanken und versuchten zu verstehen, was sie meinte. Vielleicht glaubte sie, dass man starb, wenn man einschlief, um am nächsten Morgen oder mitten in der Nacht aufzuerstehen, weil man pinkeln musste. Vielleicht war Grossmutter war nicht mehr ganz richtig im Kopf. Jedes Kind wusste, dass schlafen und sterben nicht dasselbe waren. Vielleicht wollte sie aber auch sagen, dass man nie wusste, ob man am nächsten Morgen tatsächlich wieder aufwachen würde. Ob man im Schlaf nicht tatsächlich sterben, richtig sterben würde. Dann sollte man wenigstens mit Anstand und geputzten Zähnen vor den Herrgott treten, so wie’s sich gehörte. Aber auch das war absurd. Seit fünfzig Jahren war in diesem Haus niemand mehr im Schlaf gestorben. Die Zeiten hatten sich geändert und Grossmutter hatte davon vielleicht nichts mitbekommen.
Als mein Bruder Chang zum Nordpol aufbrach, sagte sie ihm: „Vergiss die Zahnbürste nicht.“
Man fand seine Leiche auf einem Eisfeld, 295 km vom Pol entfernt. In seinem Mund steckte eine fremde Zahnbürste. Als Grossmutter von diesem Detail erfuhr, hörten wir, die wir im Wohnzimmer die Todesanzeigen schrieben, sie in ihrem Schlafzimmer lauthals fluchen.

Mister Woo’s “The Art of Dying in a Room”

am 22.05.2007

Das ist ein ganz starker Anfang, Markus!

Es war schrecklich von unserer Grossmutter, so etwas zu sagen.

Hier habe ich überlegt, ob es nicht noch zum Vorabsatz gehört, etwa: Es war jeden Abend dasselbe, ein grausames Orakel. Wir waren Kinder und verstanden die Zusammenhänge noch nicht - ...

Wärst Du bereit zu erklären, was es mit den Pseudonymen auf sich hat?

Benjamin Stein am 22.05.2007 um 15:24

Hier habe ich überlegt, ob es nicht noch zum Vorabsatz gehört, etwa: Es war jeden Abend dasselbe, ein grausames Orakel. Wir waren Kinder und verstanden die Zusammenhänge noch nicht - ...

Hier könnte ich einwenden: Wir Kinder verstanden es nicht, auch nicht als Orakel. Wir verstanden nur die Worte, Grossmutter redete vom Sterben und irgendeinen Zusammenhang schien es zwischen Tod und Zähneputzen zu geben. Aber wir verstanden nicht, welchen. Aber - ich lass mir Deinen Vorschlag durch den Kopf gehen. Die ganze Geschichte ist so reichlich abstrus konstruiert, dass ich am Schluss nochmals mit Mister Woo verhandeln werde… ;-)

Zu den Pseudonymen: Sie sind Spielerei und psychologischer Trick zugleich. Markus (also ich) hat im Lauf der Jahre einen ganz eigenen Stil entwickelt und findet es zunehmend schwerer, davon loszukommen. Indem ich in eine andere Haut schlüpfe - oft reicht es, mir einen anderen Namen zu geben - werde ich ein anderer Schriftsteller (dass es so einfach klappt, sollte mir eigentlich Anlass zu Sorge sein ...).  Meinem Pseudonym fallen andere Geschichten ein, es schreibt anders als ich (hoffe ich). Eine Geschichte wie “Reise ins Wasser” wäre für mich gänzlich undenkbar gewesen. Um sie zu schreiben, musste ich die feuerrothaarige Sandra Dir werden. Kaum hatte ich mir diesen Namen gegeben, war die Geschichte da. Mister Woo andererseits ist ein alter, eingebildeter Freund von mir, der mich seit meiner Kindheit begleitet. Er erzählt mir von seltsamen Bräuchen und Geschichten, denen er im Verlauf seines langen Lebens (er ist mittlerweile 84) begegnet ist. Ich schreibe sie für ihn auf.

Ich kann mich erinnern, dass ich, als ich das erste Mal von Fernando Pessoa hörte, tief beeindruckt war und fast schockiert darüber, wie anders Ricardo Reis schrieb als Bernardo Soares. Natürlich bin ich weit davon entfernt, Pessoas Meisterschaft zu erreichen. Bei mir ist das Ganze auch sehr viel verspielter, ich habe einfach Freude an diesem Spiel und verschaffe mir auf diesem Weg ein bisschen Luft, wenn ich meiner selbst überdrüssig werde.

Das ist die Geschichte meiner Pseudonyme. Eine wunderliche Fiktion.

Markus am 22.05.2007 um 15:54

Eine schöne Fiktion. Ricardo Reis und Bernardo Soares hatte ich ganz vergessen…

Wir Kinder verstanden es nicht, auch nicht als Orakel. Wir verstanden nur die Worte, Grossmutter redete vom Sterben und irgendeinen Zusammenhang schien es zwischen Tod und Zähneputzen zu geben. Aber wir verstanden nicht, welchen.

Das ist doch sehr gut. Vielleicht kann man noch die Wiederholungen eliminieren:

Wir Kinder verstanden es nicht, auch nicht als Orakel. Wir hörten nur Worte. Grossmutter redete vom Sterben. Irgendeinen Zusammenhang schien es zwischen Tod und Zähneputzen zu geben. Aber wir verstanden nicht, welchen.

Benjamin Stein am 22.05.2007 um 17:04

Aber wir wussten nicht welchen.

Benjamin Stein am 22.05.2007 um 17:23

Aber wir wussten nicht welchen.

Sorry, das Komma ist guuut.

BTW: Beim mir die Editierbarkeit der Kommentare anmahnen und selber… Tss, tss. Jetzt räum mal schön auf :-)

Benjamin Stein am 22.05.2007 um 17:24

Aber wir wussten nicht KOMMA welchen.

O bitte, räum das auf. Danke.

Benjamin Stein am 22.05.2007 um 17:25

Haha, das war Perkampus, der die Editierbarkeit der Kommentare anmahnte, glaube ich. Das ist so ein ärgerliches Feature von twoday. Ich war das sicher nicht. Auch keines meiner Pseudos. ;-)
Hätte ich diese Funktion auf meinem Weblog, würde ich es ausschalten - das ist doch köstlich, diese Kommentarsequenz...!

Markus am 22.05.2007 um 17:38

Jaja, weide dich nur an meiner Sequenz des Versagens! Aber das Komma, vergiss das KOMMA nicht :-)

Benjamin Stein am 22.05.2007 um 17:43

Solltest Du nicht schon über Mysterien brüten?
(Aus der Frage spricht der pure Neid :-) Der Text, den Du heute auf dem Turmsegler gepostet hast, ist wundervoll...)

(Das KOMMA ist jetzt so oft wiederholt worden, dass es ganz sicher nicht vergessen geht!)

Markus am 22.05.2007 um 17:54

Gut, dann brauche ich Dich ja an das KOMMA nicht nochmals erinnern. Mysterien - heute startet es erst mit Sonnenuntergang. Und was den Text angeht - den, den ich eigentlich bringen wollte, habe ich nicht gefunden. Ich suche schon seit Jahren danach und kann ihn einfach nicht mehr aufstöbern. Aber eines Tages…

Benjamin Stein am 22.05.2007 um 17:59

Das gesuchte Mysterium entzieht sich. Das ist so.

Markus am 22.05.2007 um 18:07
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